Stell dir ein Leben ohne Streit vor, ganz ohne Streit. Keine Konflikte, keine Verletzungen, keine Kränkungen, keine Auseinandersetzungen, keine Unstimmigkeiten oder Meinungsverschiedenheiten, keine Differenzen, keine Kriege. Und das in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, das heißt in der Familie, in der Ehe, zwischen den Geschwistern, unter Freunden, in der Gemeinde, ja sogar unter der Politik. Nun, das wäre Himmel auf Erden, nicht wahr? Das Tragische ist, wir leben leider nicht mehr im Paradies, aber dieser Wunsch ist so alt wie die Menschheit, und alle paar Jahre wird dieser Wunsch als neue Platte aufgelegt, manchmal sogar vertont.
So auch 1971. John Lennon brachte den weltberühmten Popsong heraus mit dem Titel »Imagine«. Nun, vermutlich kennen die meisten den und wahrscheinlich schwirrt die Melodie schon im Kopf herum. Und dann sagt er dort: »Imagine all the people living life in peace.« Stell dir vor, alle Menschen leben im Frieden. Nun, dieser Song, er wurde das erfolgreichste Solostück seiner Karriere. In diesem Song beschreibt er ein Leben ohne Differenzen, ohne Grenzen, ohne Neid, ohne Streit, ohne Krieg. Alle leben im Frieden.
Das Paradoxe ist, er selbst beschreibt sein Lied als ein Antikriegslied. Und doch tut er mit dem Lied genau das, was er im Lied selbst anprangert. Er prangert Krieg an, aber er selbst lebt in Streit und Selbstsucht. Nun, inspiriert wurde dieses Lied von einem Buch, das seine Frau Yoko geschrieben hatte. Allerdings hatte Lennon sie nie als Co-Autorin genannt, und sie wurde erst 46 Jahre später, also erst vor kurzem, lange nach dem Tod überhaupt als Co-Autorin genannt. Er gab in einem Interview zu, kurz vor seinem Tod, dass es ein Egodenken von ihm war. Schon verrückt, nicht wahr? Ein Paradox. Das heißt, er ist der Beweis dafür, dass er auf kleiner Ebene genau das tut, was auf großer Ebene angeprangert wird.
Das heißt, wenn du schon mal alle anderen angeprangert hast: »Wieso kann jemand nur Krieg führen?«, dann frag doch einfach, warum benutzt du ein bissiges Wort, ein scharfes Wort, das wie ein Pfeil, wie eine Kugel zwischen dir und dem Nächsten hin und her fliegt? Es ist einfach nur eine andere Ebene. Das Paradoxe ist auch, er selbst beschreibt das Lied als ein Antireligionslied. Es geht sogar darum: »Imagine there’s no heaven, no religion.« Offensichtlich war er der Meinung, alle Probleme kommen davon. Und doch ist es verrückt, dass ein Teil des Liedes, was er selbst zugibt, inspiriert ist aus einem christlichen Gebetbuch, das ihm und seiner Frau zugeschickt wurde. So unfassbar.
Also, wir sehen, diese Sehnsucht ist da. Er beschreibt sie, aber er kennt die Antwort nicht. Und wir Menschen sind wie eine Zahnpastatube, die du heute Morgen benutzt hast. Solange sie geschlossen ist, sieht man nicht, was drinnen ist. Solange alles ruhig ist, sind wir geduldig und freundlich und verständnisvoll. Aber wenn Druck draufkommt, wenn wir verletzt werden, wenn wir missverstanden werden, wenn wir provoziert werden, dann zeigt sich, was in uns ist, und das kommt raus. Die Worte, die rauskommen, sind oft Worte, die wir später bereuen. Da kommt Härte statt Liebe heraus. Da kommt Selbstsucht und Stolz heraus anstatt Barmherzigkeit.
Und solange das sichtbare Reich Gottes noch auf sich warten lässt, solange wird es leider Konflikte im Kleinen und Krieg im Großen auf dieser Erde geben. Manche Konflikte verursachen wir. In manchen Konflikten reagieren wir mit Sünde auf das, was uns vielleicht angetan wird. In manche werden wir hineingezogen und in anderen wollen wir vielleicht einfach nur helfen. Das Einzige, was Frieden in zwischenmenschliche Beziehungen hineinbringt, ist Frieden mit Gott. Das heißt, erst der Friede in der Vertikale, der Friede mit Gott, der bringt erst Frieden in die Horizontale zwischen Menschen hinein.
Als Gläubige sind wir nicht nur Konfliktvermeider, sondern wir sind aktive Friedensstifter, auch wenn es letztlich nicht möglich ist, jeden Konflikt zu vermeiden. Und Paulus sagt sogar im ersten Korintherbrief, es müssen Parteiungen unter euch entstehen, damit die Bewährten sichtbar werden. Jesus war in einige einseitige Konflikte verwickelt, obwohl er immer sündlos war. Nun, in dem heutigen Text werden wir genau das sehen und zwar wie Frieden aus der vertikalen, Friede mit Gott, Friede in die horizontale hineinbringt, und zwar am Beispiel von Abraham.
Ihr dürft gerne 1. Mose Kapitel 13 aufschlagen. Wir sind in unserer Predigtserie mittlerweile im 13. Kapitel angekommen, bei dem Glaubenshelden Abraham. Und auch dieser Glaubensheld hat Niederlagen und er kommt gerade aus einer dieser Niederlagen heraus, wo er gelogen hat, wo er selbstsüchtig war, aber er ist aus Ägypten zurückgekehrt. Lasst uns das ganze Kapitel 13 lesen. Wir werden uns heute aber nur auf die Verse 5 bis 9 beschränken.
Und Abraham zog mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, auch mit Lot von Ägypten hinauf in den Negev. Und Abraham war sehr reich geworden an Vieh, Silber und Gold. Und er zog weiter von einem Lagerplatz zum anderen vom Negev bis nach Betel, bis zu dem Ort, wo sein Zelt zuerst gestanden hatte zwischen Betel und Ai und die Städte des Altars, den er dort zuerst errichtet hatte. Und Abraham rief dort den Namen des Herrn an. Aber auch Lot, der mit Abraham ging, hatte Schafe, Rinder und Zelte. Und das Land ertrug es nicht, dass sie beieinander wohnten, denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander bleiben.
Und so entstand Streit zwischen den Hirten über Abrahams Vieh und den Hirten über Lots Vieh. Auch wohnten zu der Zeit die Kanaaniter und die Perisiter im Land. Da sprach Abraham zu Lot: »Es soll doch nicht Streit sein zwischen mir und dir, zwischen meinen Hirten und deinen Hirten, denn wir sind Brüder. Steht dir nicht das ganze Land offen? Trenne dich von mir. Willst du zur Linken, so gehe ich zur Rechten. Willst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken.« Dann hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Jordanaue, denn sie war überall bewässert wie der Garten des Herrn, wie das Land Ägypten bis nach Zoar hinab, bevor der Herr Sodom und Gomorra zerstörte.
Darum erwählte sich Lot die ganze Jordanaue und zog gegen Osten. So trennte sich ein Bruder von dem anderen. Abraham wohnte im Land Kanaan und Lot wohnte in den Städten der Aue. Und er schlug sein Zelt auf bis nach Sodom hin. Aber die Leute von Sodom waren sehr böse und sündigten schlimm gegen den Herrn. Der Herr aber sprach zu Abraham, nachdem sich Lot von ihm getrennt hatte: »Hebe doch deine Augen auf und schaue von dem Ort, wo du wohnst, nach Norden, Süden, Osten und Westen. Denn das ganze Land, das du siehst, will ich dir und deinem Samen geben auf ewig. Und ich will deinen Samen machen wie den Staub auf der Erde. Wenn ein Mensch den Staub auf der Erde zählen kann, so soll auch dein Same gezählt werden können. Mach dich auf, durchziehe das Land seiner Länge und Breite nach, denn dir will ich es geben.«
Da brach Abraham auf, kam und wohnte bei den Terebinthen Mamres in Hebron und baute dort dem Herrn einen Altar.
Nun, in diesem Kapitel, da tritt Lot aus dem Windschatten Abrahams heraus. Der Text macht deutlich, dass das Land die Menge an Vieh nicht ertragen konnte und das führte zu Streit zwischen den beiden Haushalten. Die Ursache war vermutlich die Weideplätze und das Wasser. Große Viehherden brauchen grüne Weiden und Wasser. Klima und die Vegetation im Land Kanaan, je nach Lage, die war sehr unterschiedlich, auf dem judäischen Bergland, wo Abraham verweilte, gab es guten Niederschlag und deswegen auch grüne Weiden für das Vieh. Allerdings hatten sie kein fließendes Wasser. Abraham ist dort zwischen Betel und Ai, das ist das judäische Hochland. Nun, für den täglichen Bedarf für Mensch und Tier brauchten sie entweder einen Fluss, einen Bach, eine Quelle, eine Zisterne, wo man Regenwasser sammelte, oder es musste ein Brunnen gegraben werden, bis man auf Grundwasser stieß.
Abraham hat mühevoll mehrere solcher Brunnen gegraben. Das wissen wir aus 1. Mose 26. Hier habt ihr ein Bild. Das ist ein Brunnen aus dem Norden. Den hat Ahab angelegt. Und man sieht, er hat runtergegraben, bis unten Wasser kam. Das war im letzten Urlaub, als wir dort waren. Da unten sollte Wasser sein, und mittlerweile ist er ausgetrocknet, aber so ging man die Stufen hinab. Später in 1. Mose 26, da gräbt Isaak alle Brunnen, die sein Vater Abraham gegraben hatte, wieder auf, weil die Philister sie mit Erde verstopft hatten. Auch hier bei Isaak gibt es wieder Streit wegen dem Wasser, aber diesmal waren es die Herden Isaaks und die Herden der Philister. Und so ähnlich wird wahrscheinlich auch der Brunnen ausgesehen haben, wo es heißt über Rebekka: Sie stieg hinab zum Brunnen und füllte ihren Krug.
Nun in Vers 7, da wird dort, wo vom Streit zwischen Abraham und Lot die Rede ist, ein Satz herausgehoben, bei dem man zuerst denkt, der passt gar nicht hinein. Was will Mose damit sagen? Er sagt: Auch wohnten zu der Zeit die Kanaaniter und die Perisiter im Land. Die Kanaaniter wohnten meist in befestigten Städten und sie waren überwiegend Händler und Kaufleute. Die Perisiter, oder Feresiter, sie waren Bewohner des offenen Landes, das heißt, sie waren fest angesiedelt und sie haben meist Landwirtschaft betrieben. Und mit diesem kurzen Einschub deutet Mose an, dass die guten Wasserplätze alle bereits vergeben sind an die Kanaaniter und die Perisiter. Aber auch die Weideplätze sind nicht unendlich, weil ein Großteil durch die Landwirtschaft genutzt wird. So wird das Wasser knapp, die Weideplätze sind knapp, und es kommt zum Streit zwischen den Hirten Abrahams und den Hirten Lots.
Nun, sehr spannend zu sehen: Hier kommt das Wort »Streit« zum ersten Mal in der Bibel vor. Das heißt aber nicht, dass es vorher keinen Streit gab. Nun, den gab es, schon in 1. Mose 3. Aber das Wort hier bedeutet Konflikt oder Zank. Manchmal wird es auch für einen Rechtsstreit verwendet oder für einen Kampf, für einen Krieg.
Nun, war es für die Israeliten irgendwie von Bedeutung, über Streit nachzudenken? Oh ja, und wie! Die ganze Wüstengeneration, die ganze Wüstenwanderung, sie war voll davon. Mose verwendet dieses Wort »Streit« sehr überraschend an einigen ganz bestimmten Orten. In 2. Mose 17 wird das Wort gebraucht, als das Volk Israel bei Massa und bei Meriba ist. Das Wasser wird knapp und dann heißt es: das Volk streitet – dasselbe Wort –, das Volk streitet mit Mose und mit Gott.
Einige Bücher später, in 5. Mose 1, Vers 12, gebraucht Mose dieses Wort wieder, als er sagt, als er sie erinnerte und sagt: »Wie kann ich aber allein eure Bürde, eure Last und eure Streitigkeiten ertragen?« Nun, ihr erinnert euch sicherlich, nicht wahr? Da waren wahrscheinlich zwei bis drei Millionen Menschen, die sind alle ausgezogen mit Mose. Sie waren in der Wüste und sie standen Schlange, um ihre Streitigkeiten, die sie hatten, zu klären. Man würde denken, konnten sie so viel Streit haben? Offensichtlich. Und es gab nicht mal ein Ticketsystem im Sinne von: manche warteten den ganzen Tag und kamen nicht mal dran. Und es hat alle frustriert, nicht nur Mose, der überarbeitet war, sondern auch die, die gewartet hatten. Wer weiß, vielleicht hat sich ein Streit beim Warten schon geklärt.
Aber Mose setzt dann auf Rat seines Schwiegervaters 70 Männer ein, die dann diese ganzen Streitigkeiten klären. Und dann am Ende der Wüstenwanderung wird das Wort noch mal verwendet. Diesmal wird sogar ein Ort nach dem Wort benannt. Und zwar wird es Haderwasser genannt, ja, oder Kampfwasser, was auch immer. Ebenfalls wieder: kein Wasser, das Volk murrt, und diesmal schlägt Mose den Felsen zweimal, anstatt mit ihm zu sprechen.
Nun, war das Thema Streit für die Israeliten relevant? Ja, das könnte man durchaus meinen.
Wir haben in der letzten Predigt bereits gesehen, dass Gott mit dem Vater des Glaubens, mit Abraham, Lektionen des Glaubens veranschaulicht. Man könnte sagen, Abraham ist das Bilderbuch des Glaubenslebens. So viele biblische Wahrheiten, die später in Prinzipien zusammengefasst und gelehrt werden, die werden hier veranschaulicht. Und es kann auch gar nicht anders sein. Warum? Weil Gott ändert sich nicht, der Mensch ändert sich nicht, und die Prinzipien ändern sich auch nicht. Und auch zu Abrahams Zeiten gab es schon Konflikte. Erstaunlich. Und die biblische Methode, diese Konflikte zu lösen, hat sich nicht geändert.
Nun, Frieden stiften und Konfliktlösung ist nicht ein Konzept der letzten 50 Jahre, sondern es wird bereits seit 1. Mose 3 angewandt und die Prinzipien haben sich nicht verändert. Und hier bei Abraham veranschaulicht Mose auf großartige Weise seinen Lesern, wie Abraham biblische Prinzipien umsetzt, von denen er die erst später so wirklich in Worte gefasst werden. Man kann es kaum glauben, aber wir haben in nur zwei Versen eine ganze Menge Prinzipien. Ich war selbst überrascht. Es tut mir leid, ich bin bei sieben Prinzipien gelandet. Ich wollte sie so kurz wie möglich halten, so wenig wie möglich, aber irgendwie ging es nicht anders.
Lass uns diese Verse noch einmal lesen. Vers 8 und 9:
»Da sprach Abraham zu Lot: Es soll doch nicht Streit sein zwischen mir und dir, zwischen meinen Herden und deinen Herden, denn wir sind Brüder. Steht dir nicht das ganze Land offen? Trenne dich doch von mir. Willst du zur Linken, so gehe ich zur Rechten. Willst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken.«
Ich möchte, dass du heute Morgen sieben Prinzipien lernst, die dir helfen sollen, Konflikte vorzubeugen, Konflikte zu lösen, wenn du beteiligt bist oder vielleicht, wenn du mittendrin steckst und auch, dass du fähig wärst, anderen zu helfen, ihren Streit zu lösen.
Nun, ihr wisst, jeder Handwerker hat meistens so eine Handwerktasche, das sind immer so 10 bis 15 der wichtigsten Handwerksgeräte drin. Und mit diesen 10 bis 15, mit dieser Tasche kann er 80 % aller Arbeiten erledigen. Ungefähr so sind diese Prinzipien, die wir hier sehen: die wichtigsten Prinzipien, die wir zur Hand brauchen, um Konflikte vorzubeugen, zu helfen, sie zu lösen oder wenn wir mittendrin stecken.
Ich würde dir raten, schreib sie einfach in deine Bibel neben diesen Abschnitt hinzu, dann weißt du immer, wo du zurückgehen kannst.
Das erste Prinzip ist: Entferne zuerst deinen Balken. Nun, kommt uns dieses Prinzip aus dem Neuen Testament bekannt vor? Ja, es klingt so ganz nach Matthäus 7, aber wisst ihr was? Dieses Prinzip ist nicht neu. Wir haben in der letzten Predigt schon gesehen, dass Abraham auf dem Holzweg war und er wird erst fähig, diesen Konflikt zu lösen, weil er umgekehrt ist. Abraham, mit anderen Worten, kann man sagen, Abraham hat seinen Balken aus seinem Auge entfernt. Abraham ist von seinem Holzweg zurückgekehrt zur Anbetung in die Nähe Gottes. Erst dadurch war er in der Lage, diesen Streit anzugehen.
Nun, wenn du Konflikte klären willst, dann bring zuerst dein eigenes Herz in Ordnung. Sowohl wenn du mitten in einem Konflikt bist, als auch wenn du anderen helfen willst in einem Konflikt. Wir hatten schon in Galater 6, Vers 1 gesehen, dass wenn jemand anderen hilft, dann soll es jemand sein, der geistlich reif ist. Das Wichtigste, was du tun kannst, um zwischenmenschlich Frieden zu stiften, ist, wenn du selbst erst Frieden mit Gott hast. Das heißt, wenn du Frieden mit Gott hast, dann bist du fähig, mit anderen Frieden zu stiften in der Vertikalen.
Der erste Schritt, um Frieden zu stiften, ist, dein eigenes Herz vor dem Herrn in Ordnung zu bringen, deinen Balken zu entfernen, deine Sünde zu bekennen. Und Abraham hat erst seine Beziehung in Ordnung gebracht und dann konnte er das klären. Er ist vom Anbeter zum Friedensstifter geworden.
Lasst uns diese Stelle ansehen, dieses Prinzip aus Matthäus 7, Vers 1 bis 5. Und wir werden diese Verse kurz durchgehen. In diesem Abschnitt spricht Jesus, wie mit Schuld zwischenmenschlichen Beziehungen umzugehen ist. Und er sagt dort: »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.« Und dann sagt er, denn das ist die Begründung, mit demselben Gericht, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden. Und mit demselben Maß, mit dem ihr andere zumesst, wird euch zugemessen werden.
Nun, was meint Jesus hier? Meint er, dass wir eine andere Person niemals beurteilen sollen? Nein, das meint er nicht. Ja, er selbst tut es. Er selbst beurteilt andere. Die Briefe, die später im Neuen Testament kommen, machen deutlich, dass wir Menschen beurteilen, dass wir ihr Bekenntnis und ihren Wandel gegenüberstellen. Aber Jesus will etwas deutlich machen, und zwar: »Ein Heuchler, der misst mit zweierlei Maß, er legt einen Maßstab an den anderen an und einen Maßstab an sich selbst an.«
Nun, die Schuld des anderen ist viel schlimmer als die eigene Schuld. Die wird verharmlost. Und um das zu illustrieren, bedient sich Jesus einer ausgeprägten und sehr drastischen Illustration. Und ich würde fast sagen, das ist auf eine humorvolle Art und Weise. Vers 3. Er sagt: »Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders?« Also er spricht von dem kleinen Holzsplitter, ja, ihr kennt die alle. Und den Balken, das ist so ein 10 x 10 oder 12,5 x 12,5 cm fetter Balken, in deinem Auge bemerkst du nicht. Das ist schon eine drastische Gegenüberstellung.
Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: »Halt, ich will deinen Splitter aus deinem Auge ziehen« und siehe, der Balken ist in deinem Auge, du Heuchler. Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.
Jesus will hier nicht Sünde gegen Sünde aufwiegen. Er will nicht sagen, eine Sünde ist schlimmer, so klein, und die andere ist so groß, sondern Jesus will deutlich machen, dass wir als Sünder dazu neigen, nur die Sünde des anderen zu sehen. Und wir stehen in der Gefahr, unsere eigene Sünde zu übersehen oder unter den Teppich zu kehren. Und so jemanden nennt Jesus einen Heuchler, weil er mit zweierlei Maß misst.
Das heißt, wenn du deine eigene Sünde kleinredest – »ist nicht so schlimm« –, aber die Sünde des anderen mit einer Lupe vergrößerst, dann sagt Jesus, bist du ein Heuchler. Wenn du deine eigene Sünde verharmlost, aber die Sünde des anderen ins Rampenlicht stellst, dann bist du ein Heuchler. Das heißt, wenn du deine eigene Sünde verharmlost oder ignorierst, sie entschuldigst, sie abschiebst auf den anderen, gar nicht einsiehst überhaupt, dass du gefehlt hast, auch nicht zugibst und du hast immer eine reine Weste und bist immer schön selbstgerecht und du siehst immer nur die Schuld bei dem anderen, dann bist du ein Heuchler.
Eine gute Frage, um deinen eigenen Balken zu identifizieren, wäre folgende. Schreib sie dir auf: Wessen Sünde betrübt mich am meisten? Das heißt, wenn du in zwischenmenschlichen Beziehungen bist, betrübt mich meine eigene Sünde am meisten, dass ich gesündigt habe, oder betrübt mich die Sünde des anderen mehr? Wenn du denkst: »Ja, ich weiß, es war nicht so richtig, was ich gesagt habe, aber sein Verhalten hättest du mal sehen sollen. Das war viel schlimmer.« Wenn du das denkst, nun, dann ist der Balken immer noch bei dir im Auge, dann hast du immer noch einen Balken.
Das heißt, wenn du jemand anderen auf seine Sünde aufmerksam machen willst, dann leg dein eigenes Herz auf den Opisch Gottes, unter das Skalpell Gottes. Und erst aus der Anbetung heraus kannst du Frieden stiften. Erst wenn du in der Nähe Gottes bist, kannst du klar sehen. Warum? Weil die Nähe Gottes, sie zeigt mir meine eigene Sünde. Die Nähe Gottes gibt mir Weisheit für diese Situation. Die Nähe Gottes demütigt mich. Und erst wenn ich gedemütigt bin, kann ich wirklich sanftmütig mit dem anderen umgehen.
Und ganz wichtig, Jesus sagt hier nicht, wenn du einen Balken hattest, dann bist du für alle Zeit disqualifiziert bei der »Splitteroperation« eines anderen zu assistieren. Nein, nein, nein, sondern er sagt: »Kümmere dich zuerst um deinen Balken und dann kannst du helfen.« Ich stoße immer wieder auf Gläubige, die haben so eine verklärte Vorstellung, dass nur ein sündloser Mensch in ihren Augen sie überhaupt auf Sünde ansprechen darf. Vielleicht geht dir das auch so. Aber weißt du was? Diesen sündlosen Menschen, der dich ansprechen kann, den gibt es auf diesem ganzen Planeten nicht. Abraham war nicht sündlos. Das haben wir vorhin gesehen, letzte Predigt ganz gewaltig nicht, aber Abraham hat seinen Balken entfernt. Und Abraham praktiziert dieses Prinzip in 1. Mose 13, obwohl es erst viele Jahrhunderte später überhaupt ausformuliert wird.
Abraham entfernt zuerst seinen Balken. Abraham bekennt zuerst seine Sünde. Abraham bringt zuerst sein Herz in Ordnung. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass du dein Herz prüfst, wenn du gerade im falschen Modus bist, dann ist es nicht der richtige Zeitpunkt, einen Streit zu klären. Wenn deine Emotionen gerade erhitzt sind, hochlaufen, dann verschiebe das Gespräch. Nun, schieb es nicht auf die lange Bank, aber ist momentan nicht der richtige Zeitpunkt, sondern bring erst dein Herz in Ordnung.
Nun, das zweite Prinzip, um Konflikte zu lösen, ist: Strebe nach Gottes Ehre. Schreib es in deine Bibel oder deine Notizen. Schau noch mal in Vers 8. Abraham, er praktiziert es, obwohl es erst später so klar definiert wird. In Vers 8 sprach Abraham zu Lot: »Es soll doch nicht Streit sein zwischen mir und dir, zwischen meinen Herden und deinen Herden, denn wir sind Brüder.« Und welches Ziel verfolgt Abraham? Sucht er seinen Vorteil? Das können wir ausschließen. Warum? Weil er überlässt Lot im nächsten Vers den Vortritt. Abraham verfolgt nicht seine Ehre. Abraham verfolgt die Ehre Gottes. Das heißt, er praktiziert das Prinzip, das Paulus 2000 Jahre später so deutlich formuliert.
In 1. Korinther 10, Vers 31 sagt Paulus: »Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes.« Und Abraham sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern die Verherrlichung Gottes. Wir haben im letzten Kapitel gesehen: In der Gottesferne, nun da hat Abraham seinen eigenen Vorteil gesucht. Er sagt zu seiner Frau: Sage doch, du wärst meine Schwester. Lüge, damit es mir gut gehe um deinetwillen. Und meine Seele am Leben bleibe auch um deinetwillen. Ja, wir sehen, in der Gottesferne, da ging es ihm um sich selbst, aber nicht, wenn er in der Nähe Gottes ist. Erst die Nähe Gottes befähigt dich, die Ehre Gottes zu suchen.
Wenn du in einen Streit hineinstolperst oder du befindest dich mittendrin, dann halt einen Moment inne und frage dich: Was ehrt den Herrn in dieser Situation?
Nun hör gut zu: Wir werden unser ganzes Leben lang in Konflikte hineinschlittern, weil wir außerhalb von Eden wohnen. Nun, auch in der Gemeinde bleiben wir davon nicht verschont. Aber manchmal denken wir, ich bin auf einer heiligen Mission. Ich kämpfe für die Ehre Gottes. Ich denke oder ich rede mir ein, dass ich für die Wahrheit streite, dass ich um der Gerechtigkeit willen dies oder jenes sagen müsste, dass ich zum Wohl und zum Schutz der Gemeinde diese oder jene Nachricht verschicken muss. Aber dann richtet mein Handeln größeren Schaden an, als der Missstand, den ich beheben wollte. Also offensichtlich war es nicht gut, vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht.
Nun, frag reife Geschwister um Rat. Frag sie: Was soll ich antworten? Wie soll ich vorgehen? Vielleicht selbst, wenn du eine Textnachricht schreibst oder beantwortest und du bist dir nicht sicher, ob sie richtig ist, aber frag nicht in deiner eigenen Selbsthilfegruppe all die, die mit denselben Problemen kämpfen. Und jemanden aufrichtig um Rat zu fragen, ist nicht zu verleumden. Das hatten wir in den letzten Predigten von Alex gesehen. Wenn du die andere Person in ein schlechtes Licht stellst, wenn du Leute auf deine Seite ziehen willst, wenn du gleich zehn Menschen brauchst, die du um Rat fragst und alle gehören zu deinen Freunden… Sprüche 25, Vers 9 sagt: »Trage deine Streitsache mit deinem Nächsten aus, aber das Geheimnis eines anderen offenbare nicht.«
Das heißt, frag jemand Reifes. Eine dritte, reife Person wird Sachen nicht ausplaudern. Eine reife dritte Person kann ihr eigenes Herz bewahren, um nicht selbst zu sündigen. Eine reife dritte Person kann einschätzen, wann es vielleicht notwendig ist, zusätzlich Hilfe zu holen. Das tun die Korinther auch mit Paulus. Es gab in Korinth so viele Probleme, und da kommt eine ganze Delegation zu Paulus, ja, die Leute der Chloe, sagt er, und sie bitten Paulus um Hilfe und Rat. Das heißt, die Nähe Gottes bringt dich dahin, dass du nach der Ehre Gottes strebst. Dein höchstes Ziel ist nicht dein Ansehen. Dein höchstes Ziel ist nicht deine Selbstgerechtigkeit, ist nicht dein Vorteil, sondern dein höchstes Ziel ist Gottes Ehre.
Nun kommen wir zum dritten Prinzip. Das dritte Prinzip lautet: Rede mit der richtigen Person. Schau noch mal in Vers 7 hinein. Wer hat mit wem Streit in der Begebenheit von Abraham? Vers 7: Und es entstand Streit zwischen den Hirten über Abrahams Vieh und den Hirten über Lots Vieh. Der Streit betrifft eigentlich gar nicht direkt Abraham, sondern seine Hirten. Und was würdest du tun, wärst du in Abrahams Situation? Also, mir sind ein paar Ideen eingefallen. Vielleicht könnte man sagen: Wisst ihr was, meine lieben Hirten, könnt ihr 30 Minuten vor Lots Hirten aufstehen und auf die Weide gehen und die Wasserquellen besetzen, dann sind wir schon mal da. Ja, wer weiß, vielleicht würdest du das tun. Oder vielleicht würdest du die Hirten ausschimpfen und sagen: Könnt ihr euch nicht vertragen? Nun, vielleicht würdest du auch deinen Hirten sagen: »Oh, wisst ihr was? Sagt den Hirten von Lot, dass dieses Land eigentlich mir gehört.«
Nun, Abraham tut nichts davon. Abraham redet – und er redet mit Lot direkt, nicht mit den Hirten.
Was geschieht bei einem Streit als Erstes? Das wisst ihr alle ganz gut. In einer Ehe, in der Gemeinde, zwischen Geschwistern – man hört auf zu reden. Bzw., das ist nicht ganz richtig formuliert: Man redet weiter, aber man redet nicht mit der richtigen Person weiter. Man redet mit anderen über diese Person. Man redet mit der eigenen Clique, man redet mit den eigenen Freunden, um die eigene Partei zu stärken, aber man redet nicht mit dem anderen. Und merke dir – und es ist so wichtig: Wenn jemand zu dir kommt und er hat eine Auseinandersetzung mit einer anderen Person und er kommt zu dir, um vielleicht seine Last mit dir zu teilen, oder ich würde es auch formulieren, einfach seinen Müll bei dir abzuladen, dann frag ihn zuallererst: »Hast du mit der anderen Person schon geredet?« Und wenn nicht, dann schick ihn gleich wieder zurück und nimm die Klage gar nicht erst an.
Ich bin oft so überrascht, mit welcher Bereitwilligkeit Menschen über ihre eigenen Probleme reden, dutzende Stunden verschwenden, mit dutzenden Leuten über ihre Probleme sprechen, aber sie sind nicht bereit, zehn Minuten zu der anderen Person hinzugehen und die Sache direkt zu klären.
Jesus sagt in Matthäus 5, Vers 24: »Wenn du dich vor dem Altar erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort stehen und geh hin zu deinem Bruder und versöhne dich.« Ja, dasselbe sagt er in Matthäus 18: »Wenn dein Bruder an dir sündigt, gehe hin und weise ihn zurecht unter vier Augen.« Er sagt nicht: »Schreib ihm, texte ihm«, sondern geh mit ihm.
Nicht mehr reden ist katastrophal. Wer im Konflikt nicht mehr redet und nur noch aufgrund von Vermutungen handelt, das endet im Desaster. Ein Beispiel dafür finden wir 1962, mitten im Kalten Krieg, während der sogenannten Kubakrise. Im Kalten Krieg rüsteten sich die USA und die Sowjetunion mit Atomwaffen gegeneinander. Während der Kubakrise kam es mehrmals beinahe zu einem Atomkrieg. Er wurde oft nur knapp verhindert.
Ein Beispiel war am 27. Oktober 1962. Ein russisches U-Boot drang in die Quarantänezonen von Kuba ein, die die USA errichtet hatte. Was die US-Marine nicht wusste, war, dass dieses U-Boot Atomtorpedos an Bord hatte. Der amerikanische Zerstörer kreiste dieses U-Boot ein und warf Überraschungswasserbomben, um das U-Boot zum Auftauchen zu zwingen. Nun, was die Sowjets im U-Boot denken, ist folgendes: Seit Tagen haben sie keinen Funkkontakt mit Moskau. Extreme Hitze, Sauerstoffmangel, der Stresslevel ist maximal. Die Explosionen draußen wirken wie ein echter Angriff. Der Kapitän ist überzeugt, der Krieg hat begonnen. Er will die Atomtorpedos abfeuern. Für den Abschuss braucht er drei Offiziere, die zustimmen. Der Kapitän war dafür. Der Politoffizier war dafür. Und dann gab es den Kommandanten des Flottenverbandes, das war Wassili Alexandrowitsch Archipow. Dem Mann können wir danken. Er war der einzige, der dagegen war. Archipow sagt: Wir wissen nicht, ob wirklich Krieg ist. Wir müssen auftauchen und klären. Und er widerspricht der gesamten Flotte, ruhig, hartnäckig, und er hält dem ganzen Druck stand. Er verhindert den Abschuss des Torpedos und das U-Boot taucht auf.
Wäre dieses Atomtorpedo abgeschossen worden, dann säße vermutlich keiner von uns heute hier. Warum? Es hätte den dritten Weltkrieg ausgelöst. Dieses eine Torpedo hätte die US-Schiffe zerstört. Die USA hätten vermutlich mit einem nuklearen Vergeltungsschlag geantwortet. Es wäre im Desaster geendet. Nach diesem knapp verhinderten Atomkrieg wurde das sogenannte »rote Telefon« eingeführt, vielleicht kennt ihr das – eine direkte Verbindung zwischen Washington und Moskau. Man wollte sicherstellen, dass in Krisensituationen sofort miteinander gesprochen werden kann, um Missverständnisse zu vermeiden, um Zeit zu gewinnen und um nicht weiter zu eskalieren.
Das heißt, wir sehen: Nicht mehr zu reden und dann aufgrund von Vermutungen zu handeln, das ist fatal.
Rede, aber rede mit der richtigen Person. Wir sehen es auch bei Saul und David. Ihr erinnert euch, die hatten auch einen Konflikt – eigentlich kann man es gar nicht so nennen, es war ein einseitiger Konflikt, der nur von Saul ausging. Er war neidisch, eifersüchtig, er sündigte mit bösen Worten und versuchte David zu töten. David hatte kein Interesse an dem Konflikt, aber Saul hat sich auch vieles eingeredet. Und dort, wo die zwei wieder zusammen reden, an zwei ganz bestimmten Situationen, wird es besser: Das eine Mal, als er in der Höhle einen Zipfel abschneidet und Saul hinausgeht und David sagt: »Hey, ich hätte dich töten können, aber ich habe es nicht getan.« Und das zweite Mal ebenfalls bei Nacht, da geht er hin und nimmt aus dem Heerlager den Speer und den Wasserkrug. Dann ruft er am nächsten Morgen von dem anderen Hügel und sagt: »Ich hätte dich auch diese Nacht töten können. Ich wollte dir nichts Böses antun.« Aber das war nur kurzfristig gelöst.
Rede, rede zur richtigen Zeit, rede in der richtigen Haltung, rede die richtigen Worte. Vielleicht denkst du: Was ist mit Schreiben? Nun, wenn du es noch nicht erlebt hast, dann wirst du es garantiert erleben: In angespannten Beziehungen kann das schriftliche Kommunizieren den dritten Weltkrieg auslösen. Man mag zwar sprechen, aber man missversteht den anderen und seine Haltung völlig. Man fasst jedes Wort als Angriff auf. Jesus sagt: »Geh hin und rede.« Und wenn du nicht hingehen kannst und reden, dann gibt’s ein Telefon. Und wenn du auch nicht telefonieren kannst, im äußersten Fall, dann schreibe. Wir sehen das bei Paulus: Er schreibt zwar einen Brief an die Korinther, um Missstände dort vor Ort zu klären, aber im selben Schreiben, einfach nur, weil er nicht vor Ort sein kann, sagt er: »Das Übrige will ich anordnen, sobald ich bei euch bin.« Das heißt, er sagt: »Hey, ich komme und dann reden wir.« Aber nur, was nicht bis dahin warten kann, wird schriftlich kommuniziert.
Rede mit der richtigen Person. Wenn du vielleicht als dritte Partei in einen Konflikt hineinkommst und du willst helfen, dann bedeutet das, dass du mit der richtigen Person redest, dass du auch die andere Seite hörst. Das Buch der Sprüche lehrt uns so viele Weisheiten über zwischenmenschliche Beziehungen, besonders Kapitel 18, das könnt ihr euch merken und dort viel nachlesen. Da heißt es zum Beispiel: »Wer antwortet, bevor er gehört hat, dem ist es Torheit und Schande.« Das heißt, wir wollen sicherstellen, erst wirklich den anderen zu hören und verstehen, bevor wir Rat geben.
Sprüche 18, Vers 17: »Wer sich in seinem Prozess – und hier ist wörtlich Streit – zuerst verteidigen darf, hat Recht, doch dann kommt der andere und forscht ihn aus.« Vielleicht kennst du das: Da kommt Kind A und beschwert sich, weil Kind B es geschlagen hat. Dann versuchst du dem Streit auf den Grund zu gehen, versuchst herauszufinden, was ist passiert. Dann stellt sich fest, dass Kind A Kind B die ganze Zeit aufs Übelste geärgert hat, die Spielsachen zerstört hat, in den Schubladen gekramt hat, und deswegen kam die Reaktion. Nun, und dann hilfst du natürlich beiden, jedem seine Verantwortung wahrzunehmen und um Vergebung zu bitten für das, was er angerichtet hat. Aber es gibt kaum Schlimmeres, wie einen falschen Rat zu geben, weil du die andere Seite nicht gehört hast.
Wir brauchen so viel Weisheit. Eine Frage, die sich auch in diesem ganzen Thema stellt, ist: Soll ich mich in diesen Konflikt überhaupt hereinziehen lassen oder nicht? Sprüche 26, Vers 17 hilft uns da zu differenzieren. Dort heißt es: »Es packt einen Hund bei den Ohren, wer sich im Vorbeigehen in einen Streit mischt, der ihn nichts angeht.« Das ist ein Straßenhund, ja, das ist nicht so ein Haustier. Stell dir vor, du packst einen Straßenhund an den Ohren – du weißt, was daraus kommt! Am liebsten rennst du schon mal. Dieser Vers hilft uns zu differenzieren: Ist es wirklich dran? Oft denken wir, ich gebe doch nur einen guten Rat, aber du hast gar nicht die zweite Seite gehört. Oft denken wir, ich will doch nur helfen, und dabei richtest du mehr Schaden an.
Das vierte Prinzip, das Abraham praktiziert, obwohl es erst viel später so formuliert wird, finden wir in Vers 9: Achte den anderen höher. Was tut Abraham? Schaut euch noch mal an, Vers 9 im zweiten Teil. Abraham sagt zu Lot: »Willst du zur Linken, dann gehe ich zur Rechten. Willst du zur Rechten, dann gehe ich zur Linken.« Eigentlich ist Abraham der Anführer. Rechtmäßig hätte Abraham in jeder Hinsicht den Vortritt – wahrscheinlich war er altersmäßig älter, auf jeden Fall familienmäßig, auf jeden Fall verheißungsmäßig, weil Gott hat ihm das ganze Land gegeben. Aber Abraham überlässt Lot den Vortritt, und Abraham pocht nicht auf sein Recht.
Er praktiziert das, was wir in Philipper 2, Vers 3 und 4 lesen: »Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des anderen.« Und Demut bedeutet, die Bedürfnisse des anderen über die eigenen zu stellen.
In 1. Korinther 6 führen Geschwister aus der Gemeinde von Korinth Rechtsstreite, Prozesse gegeneinander, und das sogar vor Ungläubigen. Und Paulus sagt ihnen: Ist bei euch in der ganzen Gemeinde nicht ein Weiser, der unparteiisch ein Urteil fällen kann? Kann niemand helfen? Und der zweite Rat, den er gibt: Es ist schlimm genug, dass ihr Prozesse führt – könnt ihr euch nicht lieber übervorteilen lassen in dieser Sache?
Nun, wenn du Frieden willst, achte den anderen höher. Vielleicht steckst du mittendrin in einem Konflikt, dann geh noch mal Philipper durch und überlege: Wie kann ich diese Wahrheiten aus Philipper 2, Vers 3 und 4 in dieser Situation anwenden und den anderen höher achten? Wie sieht das aus? Poche nicht auf dein Recht. Sei bereit, dich übervorteilen zu lassen. Oft sind es Vorlieben – schauen wir uns gleich noch an –, aber du kannst dir die Frage stellen: Spricht etwas dagegen, die Vorliebe deines Ehepartners oder deines Bruders zu deiner eigenen Vorliebe zu machen? Den anderen höher zu achten erstickt die Flammen der Zwietracht.
Sprüche 26, da finden wir so viele Metaphern: Da heißt es, wo kein Holz mehr ist, da erlischt das Feuer – ziemlich logisch. Und dann heißt es: »Und wenn der Verleumder fort ist, hört der Streit auf. Zur Glut braucht es Kohlen und zum Feuer Holz und um Streit anzufangen, einen zänkischen Mann.«
Kommen wir zum fünften Prinzip, das lautet: Identifiziere die Ursache. Nun, das weiß jeder: Damit ein Problem gelöst werden kann, muss man erst herausfinden, was überhaupt in dieses Problem hineingeführt hat. Schaut noch mal in den Text. Was war bei Abraham die Ursache für den Streit? Abraham war reich geworden – könnten jetzt viele sagen: »Siehst du, das ist immer das Problem!« Nein. Vers 5: Lot hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Vers 6: Ihre Habe war groß. Man könnte plakativ sagen: Der Segen des Herrn hat schlussendlich zu Spannungen geführt. Kannst du dir das vorstellen? Ist doch eigentlich gar nicht möglich. Aber denk nur einfach: Der Segen des Herrn hat dir einen Ehepartner geschenkt und hat durchaus manchmal auch Herausforderungen mit sich gebracht. Oder aber, es ist der Segen des Herrn.
Der Segen und das Wachstum können auch in einer Gemeinde zu Herausforderungen führen. Theo nennt es immer Wachstumsschmerzen – habt ihr bestimmt schon gehört. Wir finden in der Schrift viele Konflikte, und es ist so bereichernd, die alle zu studieren. Einen davon finden wir in Apostelgeschichte 6, und die Ursache: Wachstumsschmerz. Lukas nennt diesen Konflikt, packt an der Wurzel, und er beginnt sein Kapitel und sagt: In jenen Tagen, als die Zahl der Jünger wuchs, das heißt, als die Gemeinde größer wurde, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer. Und was ist geschehen? Das sind die Witwen von denen aus der Diaspora, aus der Zerstreuung, die sind bei der Hilfeleistung übersehen worden. Und nun bahnt sich eine Spaltung in der jungen Gemeinde an zwischen Hebräern und Diasporajuden. Es betrifft die ganze Gemeinde, und es entstand ein Murren.
Murren ist übrigens die Lieblingsstrategie Satans, um Uneinigkeit ins Volk Gottes hineinzusehen. Willst du ein Volk ruinieren, dann säe Murren und Zwietracht. Willst du eine Gemeinde ruinieren, dann bring Unmut gegen die Leiter und gegen die Ältesten, und es wird garantiert, sie ruinieren.
Was tun die Apostel? Die Apostel hören hin und sie suchen die Ursache für das Murren. Ich war sehr überrascht, das zu sehen. Sie urteilen nicht vorschnell. Sie könnten sofort sagen: Murren ist Sünde, obwohl Murren wirklich Sünde ist und das ist eine schlimme Sünde – aber sie differenzieren und sie hören hin. Nun, das wollen wir bei Leuchtturm auch. Vielleicht ist es einigen fremd, aber wir wollen in unserer Gemeinde eine Kultur, wo es kein Weltuntergang ist, Feedback zu bekommen und Feedback zu geben. Das bedeutet nicht, dass wir nur kritisierend herumlaufen, sondern wir wollen das tun, was Petrus sagt: Wir wollen reden, was aufbauend ist, aber wir wollen eine Kultur, wo man Gnade empfängt und Gnade weitergibt. Eine Kultur, wo man Rückmeldung geben kann.
Wir wollen nicht eine Null-Fehler-Kultur etablieren, wo man keine Fehler machen darf und deswegen auch keine Fehler zugibt. Wir wollen nicht, dass in unserer Gemeinde eine Distanz zwischen Gemeinde und Leitung hineinkommt. Das war in der Apostelgeschichte nicht so und es ist bei uns nicht so.
Nun, dieses Murren in der Apostelgeschichte, das hat nicht lange gegärt und ist dann wie so eine geschüttelte Sektflasche so richtig hochgegangen. Nein, sondern die Apostel, die waren nah am Puls, und das wollen wir auch sein als Älteste, als Leiter. Wir wollen hören, wo Fragen sind, wo Sorgen sind, wo Bedenken und Probleme sind, wo der Schuh drückt oder Missverständnisse sind. Und was hilft da? Reden haben wir schon gesehen. Und wisst ihr was? Wir sind so froh, dass es geschieht, und ich möchte euch ermutigen, das beizubehalten. Ich glaube, es vergeht keine Woche, wo nicht jemand oder sogar mehrere von der Gemeinde immer wieder mit Fragen kommen, um etwas zu klären. Und diese Atmosphäre wollen wir beibehalten. Das ist eine Atmosphäre der ersten Gemeinde. Das ist eine Atmosphäre, die das Buch der Sprüche prägt, und das ist eine Atmosphäre, die wir bei uns haben wollen.
Identifiziere die Ursache. Nun, das kann manchmal wirklich viel Zeit in Anspruch nehmen. Es kann manchmal sein – vielleicht ist es dir schon geschehen –, bei deinen Kindern wirklich eine Stunde zu verbringen, um den Konflikt zu lösen, um zu hören, was hat denn nun überhaupt dazu geführt, bis man dann über »der andere hat, der andere hat…« hinauskommt. Ja, wir wollen darüber hinaus, aber manchmal sind Situationen auch so verknotet, dass dieses Knäuel von Aktion und Reaktion gar nicht mehr entwirrt werden kann. Und jeder übernimmt Verantwortung für sein Handeln. Wir rechtfertigen Sünde nicht, sondern tun Buße über Sünde.
Es gibt so viele Ursachen, warum Dinge zum Konflikt führen. Wir haben gesehen: Segen und Wachstumsschmerz. Bei Saul und David war es Eifersucht. Jakobus 4 nennt uns etwas ganz Wichtiges, und zwar Jakobus 4, Vers 1 bis 3 sagt: Eine Ursache sind unerfüllte Erwartungen. »Woher kommen Kämpfe und Streitigkeiten? Ihr seid begehrlich und ihr bekommt nichts.« Nun, stell dir die Frage: Warum bist du das letzte Mal explodiert? Ich weiß nicht, wann es das letzte Mal bei dir war, das weißt du – aber warum? Schlussendlich hattest du eine Erwartung, die dein Gegenüber – ob es dein Kind, dein Ehepartner, dein Freund, wer auch immer war, berechtigt oder unberechtigt – nicht erfüllt hat, und nun hast du reagiert.
Und wir müssen uns da die Frage stellen: Was ist eigentlich ein Konflikt? Da hilft es uns, einfach vor Augen zu haben, drei Dinge. Das erste ist das Herz. In deinem Herz musst du prüfen, deine Grundhaltung: Wem will ich dienen? Du musst prüfen, was sind deine Wünsche, deine Erwartungen, was begehrst du? Sind es böse Absichten oder sind es gute Absichten? Stell dir die Frage: Wenn nur … ja, wenn nur das geschehen würde, dann wäre ich glücklich. All dies geschieht in deinem Herzen. Und dann könnte man sagen, jetzt wird eine schwarze Linie überquert. Jetzt, ab jetzt – bisher war alles in deinem Herzen, unsichtbar für die anderen – aber dann kommen Differenzen oder Meinungsverschiedenheiten zu Tage.
Vielleicht kennst du das auch, aber das ist noch keine Sünde. Nur weil jemand eine andere Meinung hat, eine andere Sichtweise hat, ein anderes Verständnis hat, einen anderen Geschmack hat, bedeutet es nicht, dass es schon Sünde ist. Differenzen müssen nicht zu einem Konflikt führen. Nun, das wisst ihr sicherlich ganz gut als Ehepaare: Die Lieblingsfarbe des einen ist vielleicht rosa und des anderen himmelblau. Und das ist so lange okay, bis man versucht, das Wohnzimmer zu streichen oder der eine will hierhin in Urlaub, der andere dorthin, oder es gibt theologische Differenzen. Das ist noch kein Problem bis zur roten Linie, und ab der roten Linie sündigst du als Aktion oder Reaktion auf diese Differenz. Und das ist der Punkt, das ist ein Konflikt. Das kann einseitig geschehen – ich würde sowas als einseitigen Konflikt bezeichnen – oder es können beide sündigen. Ja, meistens, besonders unter Kindern, kennen wir das sehr oft: Der eine sündigt, der andere zahlt heim.
Das müssen wir differenzieren. Das heißt, wir haben drei Bereiche: Wir haben den Bereich des Herzens, dann haben wir den Bereich, wo Differenzen sichtbar werden. Aber die Frage ist, wie gehen wir mit diesen Differenzen um? Sündigen wir? Es gibt so viele Beispiele.
Ihr kennt vielleicht das Beispiel von George Whitefield und John Wesley. Das waren zwei gute, enge Freunde, die einen theologischen Disput hatten. Sie kamen wirklich heftig aneinander, leider, und es hat dazu geführt, dass sie zerstritten waren. Aber all ihre Anhänger waren genauso zerstritten. Das heißt, nicht nur gab es Sünde zwischen den beiden, sondern all ihre Anhänger haben auch gegeneinander gesündigt. Gegen Ende des Lebens haben beide sich versöhnt, aber die anderen, die haben alle weitergemacht.
Whitefield schreibt zum Beispiel in einem Brief an Wesley: »Ich habe kürzlich das Leben Luthers gelesen und ich denke, dass es ihm nicht zur Ehre gereicht, dass ein so großer Teil seines Lebens damit ausgefüllt war, mit Zwingli und mit anderen zu streiten, also mit Leuten, die alle den Herrn wahrscheinlich genauso lieben wie wir. Das möge doch, geliebter Sir, uns eine Mahnung zur Vorsicht sein. Mit Gottes Segen werde ich mich nicht über die Dinge in den Streit entwerfen, sondern wir verschieden, worin wir verschieden sind.« Das heißt, wir sehen in den Briefen, sie waren wirklich bemüht.
Dann sieht man, Wesley antwortet in einem anderen Brief: »Da ich viel gehört habe von Mr. Whitefields unfreundlichem Benehmen seit seiner Rückkehr von Georgia – also, er hat nur gehört, er hat es nicht nachgeprüft –, suchte ich ihn auf, um ihn selbst zu Wort kommen zu lassen, damit ich wüsste, wie ich zu urteilen habe. Ich war sehr dankbar für seine offenen Worte. Er sagte mir, dass er und ich zwei verschiedene Evangelien predigten und dass er sich daher mir nicht anschließen oder mir die rechte Hand der Gemeinschaft geben könne, sondern entschlossen sei, gegen mich und meinen Bruder zu predigen, wo immer er predigen sollte.« Es ist wirklich traurig, solche Zerwürfnisse zu haben. Gegen Ende haben sie sich wirklich versöhnt. Wesley hat auf Whitefields Beerdigung die Grabrede gehalten.
Wir merken, wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein. So schnell entstehen Differenzen. Aber Differenzen müssen nicht in einem Konflikt enden. Erst wenn mit Sünde reagiert wird, das heißt mit Zorn. In der Vorbereitung hörte ich einen hilfreichen Satz: Zorn ist ein Alarmsignal, um dir aufzuzeigen, was dir wirklich wichtig ist. So gut zusammengefasst, kannst du niederschreiben, weil wir alle zornig sind. Zorn ist eine Warnsirene, die sagt: »Das ist mir wirklich wichtig, fass es nicht an.« Und dann reagieren wir mit Sünde auf Sünde – mit Bitterkeit, mit Kälte, mit Unversöhnlichkeit, wir sind gekränkt, beleidigt, distanziert, nicht vergebungsbereit – und dadurch geben wir dem Teufel Raum.
Nun, es gibt so viele Ursachen. Manche Ursachen für Konflikte sind unklare Positionen. Ihr erinnert euch an Miriam und Aaron. Sie dachten, sie hätten mehr Mitspracherecht, als ihnen eigentlich zustand. Sie dachten, ihre Position wäre irgendwie höher, als sie ihnen zusteht. Ihnen war nicht bewusst, wer wirklich Leiter ist und wer nicht. Mose war Leiter, und Gott geht scharf mit ihnen ins Gericht, weil sie diese Grenze übertreten haben.
Manchmal ist es gut gemeint und schlecht gemacht. Ich denke, das geschieht sehr gerne in Gemeinden: Da ist eine gute Absicht dahinter, wirklich ein gutes Bestreben, aber die Mittel, die gewählt werden, sind völlig falsch. Manchmal sind es einseitige Konflikte: Du konfrontierst jemanden mit Sünde und er will nicht hören. Ich würde das als einseitigen Konflikt bezeichnen.
Nun, stell dir mal die Frage: Hatte Jesus einen Konflikt? Kann man gar nicht so sagen, oder? Jein. Also, er hatte keinen, aber andere mit ihm. Er hat nie gesündigt. Er hat aber andere mit Sünde konfrontiert. Aber sie haben einen Konflikt begonnen, weil sie mit Sünde reagiert haben. Genauso bei Saul und David, bei Mose und Miriam, bei Mose und der Rotte Korach.
Kommen wir zum vorletzten Prinzip, das heißt: Prüfe legitime Lösungen. Abraham hat die Ursache für den Streit zwischen den Herden identifiziert. Die Ursache war: Ihre Habe ist zu groß, die Weideplätze und das Wasser reichen nicht aus. Und nun prüft er eine legitime Lösung. Vers 9: Und er sagt: »Lot, steht dir nicht das ganze Land offen? Trenne dich doch von mir. Willst du zur Linken, so gehe ich zur Rechten. Willst du zur Rechten, dann gehe ich zur Linken.«
Nun, Trennung kann – ich betone: kann – ein legitimer Schritt sein, um Frieden zu stiften. Und wir sehen das im Neuen Testament in einigen Beispielen. Das bekannteste ist vermutlich Apostelgeschichte 15. Ihr erinnert euch an Paulus und Barnabas. Sie hatten eine heftige Auseinandersetzung wegen Johannes Markus. Es war keine Theologiefrage, sondern ich würde sagen, es war eine Leitbildfrage. Barnabas handelte nach dem Prinzip des Vergebens: »Wir vergeben ihm, dass er abgehauen ist. Jeder verdient eine zweite Chance.« Und Paulus handelte nach dem Prinzip der Bewährung: »Wenn jemand nicht bewährt ist auf der ersten Missionsreise, kommt er auch nicht auf die zweite mit.« Nun, sie haben unterschiedliche Ansichten und sie gehen unterschiedliche Wege. Aber selbst wenn sie unterschiedliche Wege gehen, redet keiner schlecht über den anderen. Paulus geht nicht in all die Gemeinden, die er vorher mit Barnabas besucht hat, und wenn sie fragen: »Hey, wo ist Barnabas?«, dann sagt er nicht: »Wir hatten einen heftigen Konflikt mit ihm, er ist einen anderen Weg gezogen.« Nein, sondern sie verleumden nicht, sie pflegen weiterhin eine brüderliche Beziehung und später nimmt Paulus Johannes Markus wieder in Dienst. Sie arbeiten zusammen und er sagt sogar zu Timotheus: »Bring ihn mit, schick ihn, ich will ihn, er ist hilfreich.«
Das andere Beispiel, wo Trennung ein legitimer Schritt sein kann, um Frieden zu stiften, ist 1. Korinther 7, Vers 15, zwischen einem gläubigen Ehepartner und einem ungläubigen Ehepartner. Da sagt Paulus, wenn der Ungläubige gehen will, das heißt, sich scheiden lassen will, dann darf der Gläubige ihn guten Gewissens gehen lassen. Und dann sagt Paulus hier: »Zum Frieden hat Gott uns berufen.« Ähnlich wie Römer 14, Vers 19: »Lasst uns nach dem streben, was zum Frieden und zur gegenseitigen Erbauung dient.«
Wohlgemerkt: Paulus sagt, bei zwei gläubigen Ehepartnern ist Trennung kein legitimer Schritt. Unterschiedliche Wege gehen ist durchaus legitim. Wenn du einen Arbeitgeber hast, der Schwierigkeiten macht und du hast mit ihm Schwierigkeiten, dann kann es besser sein, du wechselst deine Arbeitsstelle, anstatt dass du ihn die ganze Zeit verleumdest und schlecht redest, anstatt dass du der Firma Schaden zufügst. Und es betrifft auch die Gemeinde. Wenn du mit gewissen Prinzipien in einer Gemeinde nicht übereinstimmst, dann ist es hilfreich, mit den Ältesten zu reden. Vielleicht lässt sich das klären, aber vielleicht mag auch der beste Weg sein, dass du eine andere bibeltreue Gemeinde findest, anstatt Murren und Rebellion und Zwietracht und Unruhe und Uneinigkeit hineinzubringen.
Nun kommen wir zum letzten Prinzip. Die Zeit heilt nicht von alleine. Das letzte Prinzip lautet: Vergib großzügig. Und hier greifen wir eigentlich schon ein bisschen vor ins nächste Kapitel, aber das Prinzip ist so wichtig, dass ich es nicht unerwähnt lassen wollte.
Wir bewegen uns im Kolosserbrief auf diese Verse zu, auf Kolosser 3, Vers 13. Und Abraham praktiziert diesen Vers 2000 Jahre, bevor er niedergeschrieben wurde. Warum? Weil die Prinzipien sich nicht ändern. Gott ändert sich nicht, der Mensch ändert sich nicht, und Gottes Prinzipien ändern sich nicht. In Kolosser 3, Vers 13 – das ist der Abschnitt, zu dem wir noch kommen –, da heißt es: »Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr.«
Abraham und Lot, die trennen sich in diesem Kapitel. Frage an dich: Was würde ein gottloser Abraham jetzt tun? Wir hätten da ein paar Ideen: Er wäre nachtragend. Er würde mit Lot nicht mehr reden. Er würde bei all seinen Nachbarn und Freunden über den selbstsüchtigen, unerfahrenen Neffen Lot sich auslassen.
Aber wisst ihr, was geschieht? Ein Kapitel später, in Kapitel 14, da wird Lot gefangen genommen. Dazu kommen wir noch. Er wird von diesen Königen aus Sodom mitgenommen, bis da oben nach Dan, Richtung Dan. Was tut Abraham? Nun, ein gottloser Abraham, er wäre schadenfroh und würde sagen: »Jetzt endlich hat er seine Abrechnung bekommen.« Ein schadenfroher Abraham würde sagen: »Ich habe ihn ja gewarnt.« Ein schadenfroher Abraham würde sagen: »Er hat sich den Teil ausgesucht. Jetzt muss er die Suppe auch auslöffeln.«
Nicht so ein gottesfürchtiger Abraham. Er war nicht nachtragend. Er vergibt großzügig. Und wisst ihr, was er tut? Im nächsten Kapitel – wir sehen uns das noch an –, aber er jagt der ganzen Bande nach und obwohl er keine wirklich Aussicht auf Erfolg hat, riskiert er sein Leben und das Leben seiner Privatarmee, um Lot zurückzuholen. Er ist wie Paulus, der Johannes Markus wieder in sein Boot holt.
Und weißt du, in manchen Fällen ist es wirklich harte Arbeit, zu vergeben, dass du nicht zulässt, dass Bitterkeit in deinem Herzen hochkommt. Es ist harte Arbeit manchmal, und es passiert nicht automatisch, sondern du musst aktiv sein.
Vielleicht denkst du: Was bedeutet vergeben? Nun, wie würdest du dir wünschen, dass Gott dir die Schuld vergibt? Anders formuliert:
Psalm 103 sagt: »Sofern der Osten ist vom Westen, hat er unsere Übertretung von uns entfernt.«
Hebräer 8, Vers 12 sagt: »Er wird an unsere Sünden nicht mehr gedenken.«
Kannst du dir vorstellen, ein Gott, der nie etwas vergisst, erinnert sich nicht mehr oder will, denkt nicht mehr an die Sünden, die wir gegen ihn haben?
Micha 7, Vers 19: »Er wird sich wieder erbarmen, unsere Missetaten bezwingen. Ja, du wirst alle ihre Sünden in die Tiefe des Meeres werfen.«
Wünschten wir uns, dass Gott uns so vergibt? Absolut. Das bedeutet, dass wir dem anderen in derselben Art und Weise vergeben. Gott hält uns unsere Schuld nicht mehr vor. Er denkt gar nicht mehr an sie. Er versenkt sie im Meer. Und was bedeutet das? Das bedeutet für dich drei Dinge:
1. Es bedeutet, du wirst dem anderen das Geschehene nicht mehr vorhalten und gegen ihn verwenden. Das heißt, wenn etwas vergeben ist, dann hältst du es nicht wieder vor.
2. Es bedeutet zweitens, dass du mit niemand anderem darüber redest.
3. Und es bedeutet drittens, dass du nicht zulässt, dass diese Angelegenheit die Beziehung belastet.
Nun, jemand, der nicht vergibt, der offenbart, dass ihm von Gott nie vergeben wurde. Jemand, der nicht bereit ist zu vergeben, der immer wieder die Sachen hervorholt, immer wieder etwas da lässt, der zeigt dadurch, dass ihm nie vergeben wurde. Jim Newcomer, das ist aus dem Buch, das ich euch empfohlen habe im Wochenblatt, »Du kannst vergeben«, sagt: »Wenn du vergibst, stellst du Gottes Herrlichkeit zur Schau. Wenn du vergibst, förderst du die Christusähnlichkeit des anderen. Wenn du vergibst, stellst du deine Liebe gegenüber Gott unter Beweis.« Oh, wie gut, wie treffend formuliert.
Das ist eine Atmosphäre, in der wir leben wollen. In Römer 12 sagt Paulus: »Vergeltet nicht Böses mit Bösem. So viel an euch liegt, ist es möglich, so haltet Frieden mit allen Menschen.« Und als Gläubige wollen wir nicht nur Konfliktvermeider sein, sondern wir wollen aktiv Frieden stiften – allerdings ein bisschen anders als die 68er-Generation. Der Friede, den Gott gibt, das ist ein Friede in der Horizontalen, der ist nur dann möglich, wenn er in der Vertikalen hergestellt wurde.
Als Gläubige sind wir Botschafter des Friedens. Und die erste Aufforderung lautet: Lass dich versöhnen mit Gott. Komm mit Gott ins Reine. Erfahre, dass du Frieden mit Gott haben kannst, dass er dir die Schuld vergibt, und dann wirst du aus der Anbetung zum Friedensstifter.
Lasst uns aufstehen und beten.
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