1. August 2026
1 Mose 16 zeigt: Segen erben ohne Scherben gelingt nur durch Gottes Nähe, nicht durch eigenmächtiges Handeln.
Nun, wir schreiben das Jahr 1904 und die Olympischen Spiele finden in St. Louis statt. Da ist der 20-jährige Amerikaner Fred Lords und er läuft den Olympischen Marathon. Er liegt sehr gut im Rennen. Allerdings herrschen brutale Bedingungen an dem Tag: Staub, Hitze, er hat kaum Wasser, und nach knapp 14 km bekommt er Krämpfe. Die werden so schlimm, dass er es nicht mehr schafft. Und Lords stieg kurzerhand in das Auto seines Trainers und fuhr die Strecke entlang. Nach 18 km geht das Auto kaputt und er steigt wieder aus und läuft die restlichen 10 km ins Stadion, wo er jubelnd als Erster im Ziel gefeiert wird. Nun, als er gerade die Siegerbühne betritt und geehrt werden soll, flog die Schummelei auf und er wird disqualifiziert. Schummelei wegen Erschöpfung.
Nun, vermutlich denkst du, wer um alles in der Welt ist so dumm und kommt auf so eine bescheuerte Idee? Und doch können wir gewissermaßen nachempfinden: Wenn der Druck steigt und Krämpfe schon einsetzen, dann steigt auch die Bereitschaft, Kompromisse zu machen. Aber Kompromisse disqualifizieren.
Das trifft nicht nur bei den Olympischen Spielen zu, sondern auch im geistlichen Leben. Paulus sagt in 2. Timotheus 2, Vers 5: »Wenn sich auch jemand an Wettkämpfen beteiligt, so empfängt er doch nicht den Siegeskranz, wenn er nicht nach den Regeln kämpft.«
Nun, Tatsache ist, dass wir alle in diesem geistlichen Wettkampf stecken. Und das Problem ist, dass du und ich, dass wir alle mit Herausforderungen, mit Druck, mit Erschöpfung zu tun haben und uns das weich kochen will, um Kompromisse einzugehen, um ungehorsam zu sein. Und es stellt sich die Frage: Wie können wir unter Druck standhaft bleiben, um den Segen zu erben?
Und ich bin überzeugt, dass die Erkenntnis und die Nähe Gottes dich und mich dazu befähigen werden, dem äußeren Druck standzuhalten. Und ich möchte, dass dich die Kompromisse von Sarah, die wir uns heute anschauen werden, warnen, und ich möchte, dass dich der Gehorsam von Hagar anspornt.
Nach einer eingeschobenen Serie über die Gemeinde wollen wir nun mit der Predigtserie in 1. Mose fortsetzen, wobei noch ein Thema über die Gemeinde aussteht. Und heute tauchen wir in das 16. Kapitel von 1. Mose ein. Ihr dürft es gerne aufschlagen. Es ist in der Regel sehr gut bekannt. Viele kennen die Begebenheit von Sarah oder Sarai, Abraham und Hagar.
Nun, was ist bisher geschehen? Abraham ist im Land Kanaan angekommen und er soll das ganze Land erben. Und dann erwähnt Abraham in Kapitel 15, im letzten Kapitel, gleich zu Beginn — man könnte sagen so beiläufig — in der Begegnung mit dem Herrn: »Herr, wozu soll ich das ganze Land erben? Ich habe sowieso keinen Sohn. Mein Knecht Elieser wird eines Tages all meinen Besitz erben. Wozu das ganze Land?« Und Gott verspricht Abraham und sagt: »Nein, nein, Abraham, nicht dein Knecht Elieser wird dich beerben, sondern du wirst einen Sohn bekommen aus deinem Leib, deinen eigenen Sohn.« Nun, er hatte bis jetzt noch keinen, war 75. Und dann sagt er: »Deine Nachkommen, die werden so zahlreich sein wie die Sterne.«
Und Abraham ist weit über 75. Sarah, seine Frau, ist weit über 65. Da ist es mit Kinderkriegen vorbei. Aber Abraham, er glaubt Gott, obwohl es scheinbar so unmöglich ist. Und es heißt dort, Gott rechnet ihm den Glauben als Gerechtigkeit zu. Abraham wird vor Gott nicht durch seine Werke gerechtfertigt, nicht durch seinen Gehorsam gerechtfertigt, sondern Gott sieht Abraham gerecht an aufgrund seines Glaubens.
Und dann macht Gott einen einseitigen Bund in Kapitel 15 mit Abraham. Abraham soll eine Kuh holen, eine Ziege und einen Widder, und sie mittendurch teilen und sie gegenüber hinlegen. Und dann versetzt Gott Abraham — man könnte beinahe sagen — in Narkose, in Schlaf. Und Gott geht alleine als eine Feuerfackel hindurch. Und dadurch macht Gott deutlich: »Abraham, ich verbürge mich mit meiner Ehre als Gott, dass ich diesen Bund halten werde und dir Nachkommen gebe und deine Nachkommen dieses Land erben.«
Und dann skizziert Gott Abraham die nächsten 400 Jahre. Man könnte sagen, es ist gewissermaßen eine Prophetie. Seine Nachkommen, die werden Fremdlinge in einem Land sein — er nennt das Land nicht, sonst wären sie wahrscheinlich nicht hingegangen. Er sagt, sie werden versklavt sein, aber dann nach 400 Jahren werden sie aus diesem Land zurück in das Land Kanaan ziehen und es einnehmen. Und die Empfänger, an die Mose diese Bücher schreibt, die sind gerade im Begriff davon.
Nun, Abraham und Sarah erwartet in diesem 16. Kapitel eine Prüfung, und vor allem Sarah kommt unter gewaltigen Druck in diesem Kapitel, wie wir gleich sehen werden. Aber das Volk Israel wird in 400 Jahren solch einen immensen Druck erleben. Und die Frage ist: Wie bleibt man standhaft, um den Segen zu erben?
Und wir werden heute sehen, dass die Erkenntnis und die Nähe Gottes dich standhaft macht, um den verheißenen Segen zu erben. Lasst uns beginnen mit Vers 1.
Vers 1: »Und Sarai, Abrahams Frau, gebar ihm keine Kinder. Aber sie hatte eine ägyptische Magd, die hieß Hagar.«
Nun, Mose beginnt hier in Vers 1 mit dem Problem. Gott hat Nachkommen verheißen, aber Sarai hat immer noch kein Kind bekommen. Vers 3 nennt uns sogar den Zeitrahmen: nachdem Abraham 10 Jahre lang im Land Kanaan gewohnt hatte. Vers 16, das Ende dieses Kapitels, nennt uns Abrahams Alter: Abraham war 86, als am Ende des Kapitels Ismael geboren wurde.
Nun, ihr müsst verstehen, diese ganze Situation ist unheimlich zermürbend. Sicherlich haben Abraham und Sarah schon zu Beginn ihrer Ehe versucht, Kinder zu bekommen und haben sie erwartet. Und dann kamen sie nicht, jahrelang. Es schien hoffnungslos und sie haben die Hoffnung aufgegeben, den Plan begraben. Aber nun hat Gott ihnen eine Verheißung von einem eigenen Sohn gegeben und neue Hoffnung flammt auf. Nun, sie haben die letzten 10 Jahre hart daran gearbeitet, ein Kind zu bekommen. Rund 120 Mal wurde ihre Hoffnung zerschlagen, von Monat zu Monat, 10 Jahre lang.
Nun, jeden Monat könnte Abraham gefragt haben: »Und denkst du, du bist schwanger?« Jeden Monat die Blicke der gesamten Dienerschaft. Denkst du, der Bauch unserer Herrin ist dicker? Vielleicht haben sie schon Wetten abgeschlossen, wann es soweit sein wird. Nun, da lag ein unheimlich gewaltiger Druck auf Sarah. Die Verheißung war da, aber sie wollte einfach nicht schwanger werden und sie empfand Scham. Sie fühlte sich verantwortlich. Nun, Gott hatte die Verheißung gegeben und nun lag es an ihr und sie wollte einfach nicht schwanger werden. Es klappte einfach nicht.
Was macht sie mit diesem gewaltigen Druck? Leider das Falsche. Sie bringt diesen Druck nicht zum Herrn, sondern sie versucht selbst fertig zu werden. Und schlussendlich hält sie diesem gewaltigen Druck nicht mehr stand und sie gibt auf, beziehungsweise sie sucht selbst nach einer Lösung. Schaut euch Vers 2 an.
Und Sarai sprach zu Abraham: »Sieh doch, Jahwe hat mich verschlossen, dass ich keine Kinder gebären kann. Geh doch ein zu meiner Magd, vielleicht werde ich durch sie Nachkommen empfangen.«
Was Sarah hier sagt, das ist unfassbar. Sie sagt damit eigentlich Folgendes: »Gott erwartet Unmögliches von mir. Ich kann mir nicht anders helfen, als diesen Weg zu gehen, auch wenn er falsch ist. Es geht nicht anders. Es gibt keine Alternative. Gott hat mich verschlossen, deswegen ist es keine Sünde, wenn ich diesen Weg der Sünde einschlage.« Und diese Gedanken, mit denen wir unsere eigene Sünde versuchen zu rechtfertigen, die kennst du sicherlich auch sehr gut. Ich auch.
Nun merke dir: Mit steigendem Druck steigt die Kompromissbereitschaft zu Ungehorsam.
Und vielleicht ist es bei dir der Druck in der Schule — nun jetzt noch nicht, aber in wenigen Wochen, wenn es losgeht — der Druck der Uni, und da kommen so viele Dinge zusammen. Du hast kaum Zeit für alle Hausaufgaben und du beginnst Kompromisse zu machen mit der Wahrheit. Du übernimmst einfach Inhalte in deine Arbeiten. Vielleicht erlebst du Druck im Familienleben. Es geht drunter und drüber und jeder zehrt an deinen Nerven. Sie liegen blank und deswegen wird jeder es verstehen, dass du dir mal Luft verschaffen musst und laut wirst. Du bist so gestresst vielleicht, dass du auf Arbeit über 60 Stunden pro Woche hinwegkommst und der Druck nimmt zu, aber damit auch die Kompromissbereitschaft, vielleicht im Kampf gegen die Reinheit, und du denkst: Ich habe einen Ausgleich verdient. Nun, wo der Druck regiert, wird Ungehorsam probiert.
Und wie geht man mit einem solchen Druck um? Sarah hat einen Plan. Nun, sie handelt nach dem Sprichwort: »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.« Das klingt ziemlich religiös und einleuchtend, aber es ist völlig falsch. Es ist genau das Entgegengesetzte von dem, was Sarah eigentlich tun soll. Sarah sollte eigentlich zum Herrn gehen und ihn bitten: »Herr, ich bin am Ende. Ich brauche deine Kraft. Ich brauche deine Weisheit. Ich brauche deine Standhaftigkeit, deine Geduld und dein Ausharren.« Aber Sarah sagt: »Abraham, ich habe einen Plan. Geh zu meiner Magd Hagar, vielleicht wird sie schwanger und ich bekomme einen Sohn durch sie.«
Nun, der Plan ist nicht ganz hundertprozentig korrekt, aber in der damaligen Gesellschaft üblich. Außerdem geht Sarah ein gewaltiges Opfer ein. Dieser Plan, den sie umsetzt, kostet Sarah selbst unfassbar viel. Sie würde die Intimität ihres Mannes mit einer anderen Frau teilen, dazu noch mit ihrer Magd. Aber offensichtlich kann man für gute Ziele ein hohes Opfer bringen und dennoch ist der Weg dahin falsch.
Zu allen Zeiten in der Geschichte gab es Ehepaare, die sich sehnlichst Kinder gewünscht haben und leider keine bekamen. Nun, wie weit geht man, um diesen Wunsch zu erfüllen? Man geht so weit, wie die Schrift es gestattet. Und Gottes Plan seit Beginn der Menschheit war ein Mann, eine Frau, ein ganzes Leben lang. Polygamie war nie Gottes Absicht, auch nicht für Abraham, auch nicht für David, auch nicht für Salomo, für niemanden. Das hat Gott in der Schöpfungsordnung festgelegt. Und im Neuen Testament wird es noch einmal verschärft, wo deutlich gemacht wird, dass ein Ältester Mann einer Frau sein soll, was wir erst vor Kurzem angesehen haben. Nun, Gottes Plan war auch nie, dass man eine Sklavin dafür missbraucht, ein Kind zu kriegen. Vielleicht denkt ihr, das gab es damals. Nein, das gibt es heute auch noch. Es wird einfach nur Leihmutterschaft genannt.
Nun, man denkt, wie kommt Sarah überhaupt auf diese bescheuerte und verrückte Idee? In der damaligen Gesellschaft war es völlig akzeptabel. Es war völlig normal. Es gab sogar Gesetze, die diesen Fall regelten. Nun, woher wissen wir das? 1901 wurde in der antiken Stadt Susa der Kodex Hammurabi entdeckt und ausgegraben. Sicherlich habt ihr schon davon gehört. Das ist eine babylonische Sammlung von Gesetzestexten aus dem 18. Jahrhundert in Keilschrift, also kurz nach Abraham. Aber das zeigt, dass in der ganzen Zeit all das schon da war. Es gibt andere Texte, und diese Stele, die ihr hier seht, steht im Musée du Louvre in Paris. Also, wer auch immer da im Urlaub ist und sie besuchen will.
Und der Paragraph 146 lautet: »Wenn ein Mann eine Naditum — das war eine Frau von hohem Status, es wird oft für Priesterinnen verwendet, allerdings jemand, der unfruchtbar ist — also wenn ein Mann eine Unfruchtbare geheiratet hat, sie ihm jedoch keine Kinder geschenkt hat und er beschlossen hat, eine Sugitum, das heißt eine Nebenfrau, zu heiraten, darf dieser Mann eine Sugitum heiraten, er darf sie in sein Haus aufnehmen. Die besagte Sugitum wird sich nicht mit der Naditum vergleichen.« Also selbst die Ordnung wird sehr klar definiert. Es gab sogar Gebote darüber.
Nun, egal wie stark der Druck auch sein mag, egal wie edel die Absicht, egal wie viel Opfer es kosten mag, egal wie akzeptabel es in der Gesellschaft ist: Aber der Zweck heiligt nicht die Mittel.
Schau noch einmal in Vers 2 hinein. Da heißt es: »Und Abraham hörte auf die Stimme Sarais.« Nun, Abraham ist auffällig passiv in diesem Kapitel. Abraham reagiert nur. Er ist das Haupt der Ehe. Er ist das Haupt der Familie, aber er leitet nicht, sondern er wird geleitet. Das heißt, Abraham hörte auf die Stimme Sarais. Nun, Abraham handelt auch nach einem Motto wie Sarah. Das Motto Abrahams ist: »Mann, sei schlau, hör auf deine Frau.« Nun, das klingt sehr löblich, aber Abraham hätte diesmal nicht auf seine Frau hören sollen. Er hätte diesmal Sarah ermutigen sollen: »Lass uns lieber ins Gebet gehen, lass uns die Sache vor den Herrn bringen und lass uns weiter im Glauben warten.«
Vielleicht denkst du: Siehst du, das ist genau der Grund, warum man nie auf die Stimme seiner Frau hören soll. Nun, nein, das stimmt nicht. Deine Frau hat Gott dir als eine Hilfe gegeben. Und es ist sehr spannend zu sehen, dass Abraham auch irgendwie völlig durcheinanderkommt im Verlauf der nächsten Kapitel. In diesem Kapitel hört er auf den Rat seiner Frau und es endet nicht gut. Nun, einige Kapitel später, Kapitel 21, will er diesen Fehler nicht noch einmal machen. Außerdem gefällt ihm dort auch nicht, was Sarah vorschlägt — nämlich Sarah sagt: »Schick Ismael weg.« Aber diesmal, in Kapitel 21, sagt Gott zu ihm: »Höre in allem, was Sarah dir sagt, auf ihre Stimme.« Also das ist keine pauschale Aussage, die man treffen kann.
Nun, Abrahams Problem ist einfach: Er leitet nicht. Wenn jemand, der leiten soll, nicht leitet, führt es zum Chaos. Es führt zu Unklarheit.
Nun, der Druck auf Sarah steigt. Die Verheißung eines Kindes ist da, aber sie wird einfach nicht schwanger, und nach 10 Jahren Warten kann sie dem Druck nicht mehr standhalten. Und sie geht Kompromisse ein. Sie greift zu Mitteln, die nicht Gottes Willen entsprechen. Sie hat sich einen Plan zurechtgelegt. Nun, sie weiß, dass Gott diesen Plan nicht absegnen würde. Sie weiß, dass dieser Plan gegen Gottes Willen ist, aber sie rechtfertigt ihr eigenes schlechtes Gewissen damit, dass es gesellschaftlich völlig in Ordnung und akzeptabel ist.
Im nächsten Abschnitt werden wir sehen, dass die Verheißung des Segens nicht durch Kompromisse erreicht wird. Und diese Wahrheit, die wir uns gleich anschauen, wird sogar mit zwei Beispielen veranschaulicht, und zwar zwei Frauen. Das erste Mal Sarah und das zweite Mal Hagar. Sarah versucht es durch Menschenweisheit zu Kompromissen zu kommen. Hagar versucht es durch Meuterei.
Nun lasst uns die nächsten Verse lesen. Wir kommen zum zweiten Punkt: Wer abkürzt, verliert, was Gott garantiert.
Vers 3–6: Da nahm Sarai, Abrahams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar, nachdem Abraham 10 Jahre lang im Land Kanaan gewohnt hatte, gab sie Abraham, ihrem Mann, zur Frau. Und er ging ein zu Hagar und sie wurde schwanger. Als sie nun sah, dass sie schwanger geworden war, wurde ihre Herrin verächtlich in ihren Augen. Da sprach Sarai zu Abraham: »Das Unrecht, das mir zugefügt wird, treffe dich. Ich habe dir meine Magd in den Schoß gegeben. Da sie nun aber sieht, dass sie schwanger ist, bin ich verächtlich in ihren Augen. Der Herr sei Richter zwischen mir und dir.«
Nun, wir sehen: Menschenweisheit führt unweigerlich zu Konflikten, auch wenn es Gesetzestexte gibt, die das augenscheinlich regeln sollen. Gut gemeint und schlecht gemacht bringt hier viel Chaos und Kummer und Herzeleid in die Zelte Abrahams.
Nun, Hagar war Sarais Magd. Sie war im gebärfähigem Alter. Sie wird gar nicht nach ihrer Meinung gefragt, sondern der Plan wird einfach umgesetzt, ob Hagar will oder nicht. Und Sarais Plan geht zunächst auf. Hagar wird schwanger. Vielleicht dachte Sarah mit einem schlechten Gewissen: »Preis den Herrn, er hat auch diesen krummen Weg benutzt, um das Ziel zu erreichen.« Aber der Hausfriede ist nur von kurzer Dauer. Als Hagar sieht, dass sie schwanger geworden ist, beginnt sie Sarah, ihre Herrin, zu verachten. Heute würden wir sagen: respektlos zu behandeln.
Das hebräische Wort heißt wörtlich »leicht«. Es beschreibt, wie man den Wert einer anderen Person wiegt oder einschätzt. Ist es jemand, der Gewicht hat für mich, den ich respektiere, oder ist es jemand, der leicht ist? Das Wort kann die ganze Bandbreite beinhalten: von respektlos, jemanden verachten, auf ihn herabschauen, lästern sogar bis hin zu verfluchen. Und es ist überraschend, dass dieses Wort in 1. Mose 12 vorkommt, wo Gott zu Abraham sagt: »Ich will verfluchen, die dich verfluchen.« Es ist dasselbe Wort, was Hagar mit Sarah hier tut. Sie schaut nur auf sie herab.
Nun, Sarah ist verletzt, das kann man nachvollziehen. Und sie ist erbost, dass auf sie herabgeschaut wird. Das ist ihr wunder Punkt. Hier ist Sarah besonders sensibel. Nun, sie selbst schaut auf sich herab, weil sie keine Kinder bekommen hat. Und nun tut das auch noch ihre Magd. Und Sarah denkt sich: Das geht nicht. Du bist meine Magd, ich verdiene Respekt. Und so beschwert sie sich bei Abraham in Vers 5. Nun, ein bisschen übertreibt sie schon. Sie sagt: »Das Unrecht, das mir zugefügt wird, treffe dich.« Und das hebräische Wort hier für Unrecht ist ziemlich ausdrucksstark. Ich weiss nicht, ob es stärker noch geht. Es ist das Wort »Hamas«, Gewalt. Und Sarah sagt: »Hagar, meine Magd, tut mir Gewalt an.« Es ist dasselbe, was Israel später in der Sklaverei unter den Ägyptern erfährt.
Nun, wie schlimm Hagar Sarah verachtet hat, wissen wir nicht. Aber weil Sarah in diesem Punkt besonders sensibel ist, empfindet sie es als wirklich ganz schlimm.
Man könnte mit Abraham ein wenig Mitleid bekommen. Erst tut er genau das, was seine Frau vorschlägt — er schläft mit Hagar, um ein Kind zu bekommen. Und dann läuft der Plan aus dem Ruder und nun ist er auch noch der Sündenbock. Er trägt die Schuld an dem ganzen Schlamassel. Nun, obendrauf verpackt Sarah das Ganze mit einem geistlichen Anstrich. Sie sagt zu Abraham, sie bringt Gott ins Gleichgewicht und sagt: »Der Herr sei Richter zwischen mir und dir.«
Und Abraham ist auch diesmal sehr passiv. Er sagt in Vers 6: »Abraham sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist in deiner Hand, tu mit ihr was gut ist in deinen Augen. Da nun Sarai sie demütigte, floh sie von ihr.«
Nun, wie Sarah Hagar gedemütigt hat, wissen wir nicht, aber wir können uns vorstellen, dass sie versucht hat, mit aller Härte deutlich zu machen, wer wirklich die Herrin im Hause — oder im Zelt — ist. Sie wollte deutlich machen, wer am anderen Ende der Nahrungskette ist. Und sie hat Hagar als Sklavin behandelt.
Nun, erstaunlicherweise ist es dasselbe Wort, das Gott ein Kapitel vorher zu Abraham sagt: »Abraham, deine Nachkommen werden 400 Jahre so behandelt werden, versklavt werden.« Und es war nicht richtig von Sarah. Später im Gesetz in 2. Mose wird es ausdrücklich verboten. 2. Mose 22: »Den Fremdling sollst du nicht bedrängen noch bedrücken.« Das war falsch.
Anfangs stand Sarah unter Druck und nun gibt sie diesen Druck weiter an Hagar, und es muss offensichtlich so schlimm gewesen sein, dass Hagar abhaut. Nun, Hagars Art, diesem Druck zu entkommen, ist Meuterei. Sie will sich nicht mehr unterordnen. Sie sagt: »Ich kann mich nicht mehr unterordnen.« Sie geht nicht zur Gewerkschaft der Sklaven, sondern sie haut einfach ab. Nun, wo soll sie hingehen? Niemand würde sie aufnehmen. Ein Sklave, der abhaut, war vogelfrei. Ebenfalls im Kodex Hammurabi, im 19. Paragraphen, da wird angedroht, dass jemand, der einen entlaufenen Sklaven beherbergt, umgebracht wird. Also war das eine große Gefahr. Nun, was einen entlaufenen Sklaven erst erwarten würde, wenn er zurückkommt — das war schlimmer als eine Tracht Prügel.
Hagar kam aus Ägypten und so beschließt sie, zurück nach Ägypten zu fliehen, koste es was es wolle. Schlimmer als bei Sarah konnte es ohnehin nicht werden. Wörtlich heißt es in Vers 8, das sagt sie zum Engel: »Weg von der Gegenwart meiner Herrin. Alles, was ich will, ist nur noch weg von ihr.«
Bis hierher ist die ganze Begebenheit ein ziemlich düsteres Chaos. Aber ab Vers 7 beginnt Gott einzugreifen und zu begegnen, und das ist Gnade, weil Gott bringt Ordnung in dieses endlose Chaos hinein. Er räumt auf. Nur lasst uns sehen, wie Gott das tut.
Vers 7: »Aber der Engel des Herrn fand sie bei einem Wasserbrunnen in der Wüste, beim Brunnen auf dem Weg nach Schur.«
Nun, ihr seht gleich eine Karte, Hagar sie flieht von Hebron — dort, bei Mamre, sind die Zelte Abrahams — und sie flieht Richtung Ägypten. Dort, kurz vor Ägypten an der Grenze, ist die Wüste Schur, und sie flieht dorthin in die Richtung. Man weiß nicht genau, wo der Brunnen ist. Er wird später Beer-Lahai-Roi genannt, aber man nimmt an, dass der Engel des Herrn Hagar dort begegnet.
Nun, sie ist beinahe schon zur Hälfte in Ägypten. Und an diesem Brunnen angekommen, begegnet ihr der Engel des Herrn. Nun, wer ist dieser Engel des Herrn? Es könnte irgendein Engel Gottes gewesen sein, aber der Text macht deutlich, dass es mehr ist als nur ein gewöhnlicher Engel. In Vers 10 spricht der Engel des Herrn in Ichform, also als Jahwe, und sagt zu ihr: »Ich will deinen Samen mehren.« Dann sagt Mose, der Schreiber, über Hagar: »Hagar hat an diesem Brunnen mit Jahwe geredet.« Also, mit wem hat sie geredet? Mit dem Engel des Herrn oder mit Jahwe? Mit Jahwe. Und Hagar selbst nennt den Engel in Vers 13: »Du bist der Gott, der mich sieht.« Sie nennt ihn Gott.
Nun, diese Person ist niemand anders als die zweite Person der Trinität. Es ist Jesus Christus, der Hagar an diesem Brunnen begegnet. An allen Stellen im Alten Testament sehen wir, dass der Engel des Herrn Anbetung annimmt. Das nimmt kein Engel an — das heißt, er ist Gott. Und mit der Menschwerdung Christi im Neuen Testament hört das Erscheinen vom Engels des Herrn im Alten Testament auf. Und sehr spannend: Dies ist die erste Begebenheit im Alten Testament, wo Christus, wo der Engel des Herrn jemandem begegnet.
Nun, wem erscheint er und mit wem redet er? Nicht mit Sarah, nicht mit Abraham, sondern mit der ägyptischen Magd. Und es ist sehr erstaunlich, wie Christus ihr begegnet und was er zu ihr sagt. Christus begegnet dieser — man könnte sagen — verunsicherten, durcheinandergebrachten jungen Pflanze sehr liebevoll und sanftmütig. Und zwar so, wie er es in Johannes 4 mit der Samariterin tut. Er begegnet ihr so, wie Galater 6, Vers 1 es sagt, dass man jemanden im Geist der Sanftmut zurechtbringt.
Nun, natürlich hat Hagar gesündigt. Natürlich war ihre Arroganz gegenüber Sarah Sünde und ihre Meuterei war Sünde. Aber Christus holt hier nicht den göttlichen Vorschlaghammer hervor, sondern er stellt ihr Fragen.
Schaut euch Vers 8 an: »Er sprach zu ihr: Hagar, du Magd der Sarai, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von meiner Herrin Sarai geflohen.«
Und ist euch aufgefallen, wie Christus, der Engel des Herrn, Hagar nennt? Er sagt nicht: »Oh, Abrahams Nebenfrau, schön dich zu sehen.« Nein, er sagt: »Magd Sarahs« — das ist ihre Rolle, die sie immer noch inne hat. Und dessen sind sich alle bewusst, sogar Hagar selbst nennt sich so. Nun, natürlich weiß der Engel ganz genau, woher sie kommt und wohin sie geht, aber Gott will hier das Verborgene ihres Herzens ans Licht bringen. Und wenn Gott den Menschen Fragen stellt, dann hat das immer ein Ziel: Gott will Menschen helfen, dadurch selbst zur Einsicht und zur Umkehr zu kommen.
Und nun antwortet der Engel des Herrn. Man könnte sagen, Christus gibt hier Rat und sagt Hagar, was sie tun soll. Er sagt, was richtig ist. Und nun gut, dass ihr alle sitzt — halte dich fest, denn es ist völlig anders, was Christus nun dieser Frau antwortet.
Schaut an Vers 9: »Und der Engel des HERRN (Christus) sprach zu ihr: Kehre wieder zurück zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand.«
Das haut uns wirklich regelrecht vom Hocker, nicht wahr? Nun, hättest du diesen Rat gegeben, hätten wir vielleicht gesagt: »Preis den Herrn, er hat Gnade zu deiner Flucht geschenkt.« Aber Jesus tut das nicht. Der Engel des Herrn sagt nicht: »Wie kann diese Sarai nur so grausam sein?« Der Engel des Herrn sagt nicht: »Wenn du schon mal hier bist auf halber Strecke nach Ägypten, mein Plan war sowieso, dass du dahinkommst, also zieh gleich durch.« Der Engel sagt nicht: »Du hast so viel emotionalen Missbrauch erlebt, du hast jedes Recht abzuhauen.« Der Engel sagt nicht: »Sarah hat sich nicht an die Rechte der Sklavengewerkschaft gehalten, also hast du jedes Recht auf eine Meuterei.«
Nun, hör gut zu, wenn du einen dieser Ratschläge gegeben hättest, dann bist du kein guter, biblischer Ratgeber. Warum? Merke dir: Gott will nicht, dass wir mit Sünde auf Sünde reagieren. Aber genau das tut Sarah und genau das tut Hagar. Und als postmoderne Menschen des 21. Jahrhunderts stößt es uns beinahe bitter auf, dass Christus zu Hagar sagt: »Geh zurück, ordne dich unter.« Unfassbar, nicht wahr?
Nun, warum gibt Gott diesen Rat? Weil Gott Meuterei abgrundtief hasst. Gott hasst Meuterei in der Ehe und hat die Rollen ganz klar definiert. Gott hasst Meuterei in der Familie. Deswegen sagt er: »Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn.« Gott hasst Meuterei in der Gemeinde. Deswegen sagt er: »Ordnet euch den Ältesten unter« (1. Petrus 5,5). Und Gott hasst Meuterei am Arbeitsplatz. Deswegen sagt er in 1. Petrus 2,18: »Die ihr Hausknechte seid, ordnet euch in aller Furcht euren Herren unter.« Nun, Gott hasst Meuterei in der Gesellschaft. Deswegen sagt er ebenfalls in 1. Petrus 2: »Ordnet euch aller menschlichen Ordnung unter um des Herrn willen.«
Nun, Gott hasst Rebellion und Meuterei. Das war die erste Sünde im Universum — Satan zettelt eine Meuterei gegen Gott an. Als Jesus Mensch wurde, hat er vorgelebt, wie man sich unterordnen kann, ohne eine Meuterei anzuzetteln. Nur ein Beispiel: Ihr erinnert euch sicherlich, ganz am Anfang von Lukas, Jesus ordnet sich als Kind seinen fehlerhaften Eltern unter. Und hier sagt Jesus zu Hagar: »Ordne dich deiner fehlerhaften Herrin Sarai unter.«
Nun, was Hagar die Kraft gibt, werden wir gleich im dritten Punkt sehen. Aber es ist unfassbar: Sie geht zurück, sie ist gehorsam, sie demütigt sich, und auf diese Weise erbt sie die Verheißung des Segens.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber manchmal könnte man denken, an Hagars Stelle hätten wir so viele Fragen an Gott, die wir einwenden können. »Herr, was ist mit Sarah? Nun, das, was sie tut, ist Unrecht.« Wir könnten sagen: »Herr, sie nennt sich Christin, aber sie lebt nicht wirklich wie ein Christ. Herr, wann nimmst du dich ihrer an?« Und Hagar stellt diese Fragen nicht, sondern sie nimmt ihre Rolle ein, geht zurück und demütigt sich.
Und ich könnte mir vorstellen, der Herr würde Hagar antworten und sagen: »Hagar, lass das meine Sorge sein. Ich bin auch Sarais Gott und ich nehme mich auch ihrer an. Ich werde auch mit Sarah meine Wege gehen und ich werde auch Sarah helfen, sanftmütiger zu werden.« Und Gott geht mit Sarah seine Wege. Nun, ich frage mich, ob einige Kapitel später — 12 Jahre später bei Abimelech — dieser Umweg Teil dieser Korrektur Gottes an Sarai war, um sie sanftmütiger zu machen, um ihr zu helfen, damit der Glaubensgehorsam wieder auf Spur kommt. Und überraschenderweise alles sogar wieder durch Abrahams Lüge initiiert wird. Das ist immer wieder verrückt, wie Gott unterschiedlich arbeitet und Dinge benutzt.
Nun lasst uns weiterlesen.
Vers 10–12: »Und der Engel des Herrn sprach zu ihr: Siehe, ich will deinen Samen so mehren, dass er vor großer Menge unzählbar sein soll. Weiter sprach der Engel des Herrn zu ihr: Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Ismael geben, weil der Herr dein Jammern erhört hat. Und er wird ein wilder Mensch sein (wörtlich steht da: ein Wildesel). Seine Hand gegen jeder Mann und jeder Manns Hand gegen ihn. Und er wird allen seinen Brüdern trotzig gegenüber stehen.«
Nun, die ESB übersetzt am dieser Stelle sehr korrekt: Er wird wider oder gegenüber das Angesicht all seiner Brüder wohnen oder sich niederlassen. Was wir hier sehen ist: Gott gibt Hagar nicht einfach nur den Befehl »Geh zurück zu deiner Herrin«, Punkt, und sie soll stupide und stumpfsinnig diesen Befehl befolgen. Nein, das tut Gott nie — auch nicht mit dir, auch nicht mit mir. Sondern Gott gibt Hagar die Verheißung des Segens. Er sagt zu Hagar: »Hagar, du bekommst einen Sohn und deine Nachkommen, sie werden unzählbar sein.« Und um diese Verheißung zu erben, soll Hagar zurückgehen und sich demütigen. Und diese Verheißung, die Gott ihr gibt, das spornt sie an, sich dem Kampf zu stellen und ihn zu ertragen. Nun, wegen dieser — man könnte sagen, der Hebräerbrief sagt es so — wegen dieser vor ihr liegenden Freude willen, das befähigt sie, das Kreuz mit Sarah zu erdulden.
Nun, was ich in diesem Abschnitt so spannend und erstaunlich finde, ist Gottes Umgang — ich würde sagen in Anführungszeichen — mit ungewollten Kindern. Nun, hör gut zu. Ismael hätte eigentlich nie geboren werden sollen. Und vielleicht zuckst du zusammen. Die Gesellschaft hat ihn als halbwegs eheliches Kind einer Nebenfrau so halbwegs anerkannt. Aber ein uneheliches Kind ist ein uneheliches Kind. Das ist nicht nach Gottes Plan. Aber dafür konnte weder Hagar etwas und erst recht nicht Ismael, der geboren wird. Und was wir sehen, ist unfassbar: Gott geht mit einem ungewollten Kind gnädig und barmherzig um. Und das sehen wir insbesondere 13 Jahre später in Kapitel 21, als Hagar weggeschickt wird und Ismael in der Wüste beinahe verdurstet — wie gnädig und barmherzig Gott mit ihm umgeht. Nun, Gott richtet Ismael nicht wegen der Sünde anderer. Gott richtet Ismael nicht wegen der Sünde Sarais, wegen der Sünde Abrahams, wegen Hagars.
Nun, warum ist das so wichtig? Weil auch in unserer Zeit es Christen gibt, die dir einreden wollen, dass wegen der Sünde deiner Vorfahren — vielleicht in der NS-Zeit — eine Erbschuld auf dir liegt und du nun diese Erbschuld sühnen musst. Du musst sie bekennen, du musst dich freibeten, du musst dich freisprechen davon. Nun, das ist Quatsch. Gott sagt in Hesekiel 18, Vers 20: »Der Sohn soll nicht die Missetat des Vaters mittragen.«
Und so sehen wir, dass Gott Ismael eine Verheißung und sogar eine Prophetie gibt. Nun, wir werden uns mit Ismael ein bisschen mehr in Kapitel 5,25 auseinandersetzen, wo sein Geschlechtsregister aufgezählt wird und dort auch einige Mythen klären, die sich bis heute halten. Aber wir stellen fest, dass Gott mit — man könnte sagen — ungewollten Kindern gnädig, barmherzig und fürsorglich umgeht. Er richtet Ismael nicht, sondern er gibt ihm Hoffnung.
Und nun wollen wir uns den letzten vier Versen zuwenden. Wir haben gesehen: Wo Druck regiert, wird Ungehorsam probiert. Wir haben gesehen: Wer abkürzt, verliert, was Gott garantiert. Und nun wollen wir zum Schluss drittens ansehen: Wer Gott kennt, bleibt standhaft, wenn es brennt.
Vers 13–16: »Und sie, Hagar, nannte den Namen des Herrn, der mit ihr redete: Du bist der Gott, der mich sieht. Indem sie sprach: Habe ich hier nicht dem nachgesehen, der mich sieht? Darum nannte sie den Brunnen einen Brunnen des Lebendigen, der mich sieht. Siehe, er ist zwischen Kadesch und Bared. Und Hagar gebar Abraham einen Sohn. Und Abraham gab seinem Sohn, den ihm Hagar geboren hatte, den Namen Ismael. Und Abraham war 86 Jahre alt, als Hagar ihm den Ismael gebar.«
Um ehrlich zu sein, beeindruckte mich Hagar beim Studieren dieses Kapitels enorm. Als ich hier reinkam, dachte ich, wir könnten heute fast ihre Taufe feiern. Ich denke, wir können annehmen, sie im Himmel wiederzusehen. Was sie tut ist unfassbar.
Schaut euch an, was tut sie, nachdem der Engel des Herrn mit ihr geredet hat? Sie geht zurück. Unfassbar. Sie geht an den Ort zurück, von dem sie weggelaufen ist. Sie geht an den Ort zurück, von dem sie gedacht hat: »Lieber sterbe ich, als zu Sarai zurückzugehen.« Sie beschwert sich nicht, sie beklagt sich nicht, sie murrt nicht. Hagar ist gehorsam. Sie tut, was der Engel des Herrn ihr befohlen hat. Sie geht zurück zu Sarah, sie demütigt sich und nimmt ihre Rolle ein.
Nun eigentlich tut sie genau das, was Jesus über seine Jünger sagt. Jesus sagt in Johannes 14,23: »Wer mich liebt, der wird mein Wort befolgen.« Und genau das tut sie. Sie liebt den Herrn und sie tut, was der Herr von ihr erwartet. Schlussendlich redete sie nicht nur mit dem Engel des Herrn, sondern sie redete mit Christus. Und unfassbar: Hagar hat eine hohe Sicht von Gottes Wort. Für Hagar hat das gesprochene Wort eine unfassbar große Autorität, und zwar sie befolgt, was Gott gesagt hat. Es hat Gottes Autorität. Nun, vielleicht denkst du, das ist doch normal, das würde jeder Mensch so tun. Wenn mit mir der Engel des Herrn reden würde, dann würde ich auf jeden Fall gehorsam sein. Nun, bist du davon überzeugt? Ich nicht.
Wie oft redet Gott durch sein Wort zu dir und du hörst nicht zu? Nun merke dir: Das geschriebene Wort Gottes hat dieselbe Autorität wie das gesprochene Wort. Das heißt, wenn du dem geschriebenen Wort ungehorsam bist — und ich will nicht wissen, wie oft das vorkam, auch in meinem Leben — nun dann hör gut zu: Dann ist es ungefähr so, als würde Hagar zu dem Engel des Herrn sagen: »Weißt du, lieber Engel des Herrn, nun bin ich schon mal hier, nun gehe ich weiter nach Ägypten. Mich bringen keine zehn Pferde zurück zu meiner alten Herrin. Ich gehe.«
Nun, welche Kraft ist stärker als zehn Pferde? Welche Kraft muss nicht Gewalt anwenden und gegen ihren Willen sie zerreißen? Welche Kraft schafft es, Hagar willens zu machen, selbst zurückzugehen? Es ist die Kraft des Evangeliums. Es ist dieselbe Kraft, die dich und mich befähigt, den Herrn zu lieben und seinem Wort zu gehorchen, sein Wort zu halten.
Nun, was gibt Hagar die Kraft zurückzugehen, obwohl sie schon auf halber Strecke in Ägypten ist, obwohl das Kind schon in ihrem Bauch ist, obwohl sie sich vorstellen kann, was für ein Donnerwetter sie erwartet, wenn sie zurück bei Sarah ist?
Schau noch einmal in Vers 13. Vers 13 sagt sie: »Du bist der Gott, der mich sieht.« Es ist die Begegnung mit Gott, die ihr Kraft gibt zurückzugehen. Nun merke dir: Es ist die Erkenntnis. Sie erkennt Gott. Es ist die Erkenntnis und die Nähe Gottes, die dich befähigt, Druck standzuhalten.
Hagar hat Gott hier kennengelernt. Sie hat etwas über das Wesen Gottes erfahren. Sie hat erfahren, dass Gott sieht und Gott hört. Sie hat verstanden, dass schlussendlich Gott ihr Recht verschaffen wird, auch wenn sie sich für eine unbestimmte Zeit unter Sarais Fuchtel unterordnen muss. Und dann schau, was sie sagt — wie schön. Sie gibt Gott einen Namen. Sie sagt: »El-Roi, du bist der Gott, der mich sieht.«
Vielleicht denkst du, darf man das überhaupt? Darf man Gott einen Namen geben? Ja, das machen alle Gottesfürchtigen. Und zwar ist es einfach, eine Eigenschaft Gottes in Worte zu fassen. Es ist gut, über Gottes Wesen nachzudenken, weil das hat sie gerade erfahren. Und vielleicht entdeckst du in diesem Kapitel noch weitere Eigenschaften Gottes und ihr könnt euch am Mittagstisch darüber unterhalten. Zum Beispiel — ich will nicht alle vorwegnehmen — aber Gott ist ein Gott, der ungewollten Kindern Hoffnung schenkt. Oder: Gott ist ein Gott, der dem Niedrigen begegnet, einer Magd — so ähnlich wie Hanna das formuliert hat in ihrem Gebet. Gott spricht in diesem Kapitel weder mit Abraham noch mit Sarah, aber er spricht mit Hagar, der Magd.
Nun, vielleicht denkst du: »Ja, Herr, ich will wirklich in Gottesfurcht wachsen.« Und weißt du, damit du in Gottesfurcht wachsen kannst, musst du Gott nahe sein. Du musst sein Wesen anschauen, weil nur das dir hilft, in Gottesfurcht zu wachsen. Du musst keine Pilgerreise zu diesem Brunnen unternehmen. Du wirst dem Engel des Herrn dort sowieso nicht begegnen. Aber du begegnest ihm dort, wo er sich offenbart. Nun, natürlich in der Schöpfung — das haben wir in Psalm 19 gesehen in den letzten Predigten — aber das reicht noch nicht aus. Du begegnest ihm am besten dort, du lernst ihn dort kennen, wo er sich in seinem Wort offenbart hat.
Hagar sagt: »Du bist ein Gott, der mich sieht.« Und das reicht, damit sie zurückgeht. Das reicht, damit sie zurückgeht und sich Sarais Fuchtel unterordnet. Das reicht ihr zu wissen, dass Gott ihr Unrecht sieht und dass er irgendwann Recht verschaffen wird. Und so wird sie den verheißenen Segen erben.
Weißt du, der Gläubige kann den Druck aushalten, weil er weiß, dass Gott da ist. Der Gläubige kann den Druck aushalten, weil er weiß, dass es das Richtige ist. Das ist der Wille Gottes, das zu tun.
Und vielleicht steckst du gerade unter enormem Druck. Vielleicht ist es Leid, vielleicht Spannungen, Menschen, die dir das Leben schwer machen, oder andere Schwierigkeiten. Vielleicht wartest du, dass Gott handelt und eingreift, wie Sarah, und nichts passiert — vielleicht sogar noch länger als 10 Jahre. Du wartest, dass dein ungläubiger Ehepartner oder dein Kind zum Glauben kommt. Vielleicht wünschst du dir einen Ehepartner und es kommt keiner. Nun, wenn der Druck zunimmt, bist du in der Gefahr, Kompromisse zu machen. Wie Sarah bist du in der Gefahr, es selbst in die Hand zu nehmen, oder wie Hagar, mit einer Meuterei abzuhauen, um dem Druck zu entkommen.
Nun, vielleicht hörst du alle möglichen Ratschläge. Vielleicht sagt jemand zu dir: »Warte, bis du erwachst und Eva neben dir liegt.« So wie 1. Mose 2. Nein. Hör gut zu: Warten bedeutet nicht, nichts tun. Aber vielleicht sagt jemand zu dir einen anderen Rat und sagt: »Du hast schon so lange gewartet. Gott wird das sicherlich verstehen, wenn du jemand Ungläubigen heiratest. Er ist ja schon ein wenig offen für das Evangelium. Vielleicht wird Gott das gebrauchen, um ihn zu retten.« Aber weißt du was? Das ist eigenmächtiges Handeln. Aktiv zu sein bedeutet nicht eigenmächtiges Handeln. Und dieser Grad zwischen Passivität und Eigenwille, der ist manchmal wie auf Messers Schneide.
Was sind die Leitplanken in diesem Spannungsfeld? Nun, die Psalmen geben uns Antwort in vielerlei Hinsicht. Insbesondere Psalm 37, Vers 34. Dort sagt der Psalmist: »Harre auf den Herrn und bewahre seinen Weg. So wird er dich erhöhen, dass du das Land erbst.« Unfassbar. Er sagt genau dasselbe. Er sagt: »Manchmal müssen wir abwarten, manchmal musst du harren, ausharren, und es kann lange sein, aber bleib in der Abhängigkeit im Gebet. Halt dich an sein Wort.« Nun, Eigenwille ist, wenn du Gottes geoffenbarten Willen übertrittst. Das ist Eigenwille.
Gott sagt hier zu Hagar: »Hagar, du bist nicht in der Position, dir selbst Recht zu verschaffen. Ich verschaffe dir Recht. Ich habe dein Jammern gehört, und damit du das nicht vergisst, sollst du deinen Sohn Ismael nennen.« Nun, Ismael bedeutet »Gott hört«, und jedes Mal, wenn du deinen Sohn rufst, wird er dich erinnern: Gott hört.
Und zum Schluss sehen wir, dass Gott damit Abraham und Sarai eine Lektion erteilt. Schaut euch Vers 15 noch einmal an. Da heißt es: »Und Abraham gab seinem Sohn den Namen Ismael.« Hagar kam offensichtlich zurück nach Hause ins Zelt und sicherlich hat sie alles erzählt: von der Flucht, von dem Engel des Herrn, von Ismael. Und Abraham ist offensichtlich dem Engel des Herrn auch gehorsam und er nennt den Namen seines Sohnes, wie der Engel geboten hat: Ismael — Gott hört, oder Gott erhört.
Nun, die nächsten 13 Jahre wird Abraham bei jedem Rufen seines Sohnes, bei jedem Gebet für seinen Sohn, zwangsweise an was erinnert? Gott hört. Und ich würde sagen, das ist eine weitere Eigenschaft Gottes in diesem Kapitel. Gott erteilt Abraham und Sarai eine liebevolle, demütigende Ohrfeige durch ihre ägyptische Magd. Hagar hat in diesem Kapitel mehr Glaubensgehorsam bewiesen als Abraham und Sarai. Und bei jedem Rufen — »Ismael, komm zum Essen!« — hört er: Gott hört, komm zum Essen. Bei jedem Gebet: »Herr, segne Ismael. Herr, rette Ismael.« Erinnert er sich: Herr, rette. Gott hört, Gott hört, Gott hört. 13 Jahre lang geht es so. Und es ist eine einfache und wertvolle Wahrheit, an die er immer wieder erinnert wird. Jedes Rufen von Ismael soll Abraham und Sarai daran erinnern, dass sie sagen: »Herr, ich habe es aus eigener Kraft versucht und ich bin kläglich gescheitert. Herr, ich habe diesem Druck nicht standgehalten und ich habe Kompromisse gemacht. Herr, ich habe nicht dich um Weisheit, um deine Kraft, um deine Hilfe angefleht — aber danke, dass du gnädig bist.« Und sogar das Rufen dieses Sohnes — Ismael, Gott hört — erinnert mich daran, dass du immer noch hörst.
Nun wusste Sarah nicht, dass Gott hört und dass Gott sieht? Oh, sicher wusste sie das. Ich bin überzeugt, sie war davon überzeugt, aber sie hat aus eigener Kraft, mit eigener Weisheit versucht, ans Ziel zu kommen. Sie hat in dieser Angelegenheit nicht die Begegnung mit dem Herrn gesucht. Sie hat nicht die Erkenntnis Gottes gesucht. Sie hat nicht die Nähe Gottes gesucht.
Sehr überraschend: Ihr Sohn Isaak, der einige Jahre später geboren wird, macht nicht denselben Fehler. Isaaks Frau Rebekka ist auch unfruchtbar. Und dann heißt es in 1. Mose 25,21: »Isaak aber bat den Herrn für seine Frau, denn sie war unfruchtbar, und der Herr ließ sich von ihm erbitten.« Oh, so schön zu sehen: Isaak wiederholt diesen Fehler nicht.
Nun, plage dich nicht 10 Jahre in eigener Kraft ab, um den Segen Gottes in deinem Leben zu erfahren. Warte nicht, bis Gott dir eine demütige, aber liebevolle Ohrfeige verpasst. Versuch es nicht aus eigener Kraft. Versuch es nicht aus eigener Weisheit wie Sarai. Lebe nicht nach ihrer Weisheit: »Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.« Im Gegenteil: Halte dich an Gottes Regeln, um den Siegeskranz zu empfangen. So wie 2. Timotheus 5 es sagt: »Wer sich am Wettkampf beteiligt, der empfängt doch nicht den Siegeskranz, wenn er nicht nach den Regeln kämpft.«
Und zum Schluss möchte ich Hebräer 10, Vers 35 und 36 darauf sehen. Das ist auch der Wochenvers, weil der Hebräerbriefschreiber das alles zusammenfasst. Er sagt: »So werft nun eure Zuversicht nicht weg, die eine große Belohnung hat. (Warum?) Denn standhaftes Ausharren tut euch not, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung erlangt.«
Er will auch, dass wir Segen erben ohne Scherben. Nun, erinnerst du dich an die Abkürzung von unserem Olympia-Marathonläufer, der wegen seiner Erschöpfung und den Krämpfen ins Auto gestiegen ist und 18 km gefahren ist? Er wurde zunächst lebenslang gesperrt, aber der amerikanische Verband hat ihn begnadigt, und dann lief er 1905 standhaft bis ans Ziel und er gewann 1905 den Boston-Marathon in einer Rekordzeit von knapp 2 Stunden 34 Minuten.
Nun, bei Sarai und Abraham soll es noch 13 Jahre dauern, bis sie wieder zugelassen werden zum nächsten Wettkampf, könnte man sagen. Aber Sarai würde diesmal keine Kompromisse machen.
Was für einen liebevollen und gnädigen Gott, der gnädig und barmherzig mit Hagar umgeht, aber auch liebevoll und barmherzig mit Abraham und Sarai.
Herr Jesus Christus, wir danken dir von Herzen für dieses Kapitel, wo wir wie Hagar erkennen dürfen, was für ein Gott du bist. Herr, du bist ein Gott, der sieht. Du bist ein Gott, der das Jammern hört, und du bist ein Gott, der antwortet, wenn auch nicht sofort. Und Herr, diese Erkenntnis Gottes gibt Hagar Kraft zurückzugehen, den Druck zu ertragen und die Verheißung des Segens zu erben. Herr, wir danken dir, dass du uns anspornst, nicht auf uns selbst zu sehen, sondern es ist deine Nähe, es ist deine Erkenntnis, es ist das Hinblicken auf dich, das uns kräftigt, das uns festigt, das uns nicht müde werden lässt, sondern das uns die Kraft gibt in diesem Kampf, in dem wir stehen, keine Kompromisse zu machen. Herr, wir geben dir alle Ehre und wollen dich anbeten.
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