17. Oktober 2021

Hohelied: Was die Bibel wirklich über Sexualität sagt (1)

Das Hohelied feiert eheliche Liebe und Sexualität als Gottes guten Plan – und widerlegt ein falsches Denken vieler Christen.

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Ich liebe das Buch Hohelied mittlerweile. Ich habe Furcht und Zittern gehabt vor dem Buch, als ich mich dafür entschieden habe, dieses Buch in der Gemeinde zu predigen. Ich dachte: »Oh, das wird schwierig, dieses Buch zu verstehen.« Dann habe ich sehr schnell festgestellt, dass auch unter konservativen Auslegern überhaupt keine Einigkeit darüber besteht, wie das Buch zu verstehen ist, und das war nicht einfach für mich, ein rundes Bild von dem Buch zu machen und wirklich zu verstehen, worum es geht. Aber ich habe mittlerweile die Gewissheit, dass ich Gottes Absicht in diesem Buch verstanden habe. Und irgendwie, weil ich es gewagt habe, es in unserer Gemeinde zu predigen, bin ich der »Mann des Hohelieds« mittlerweile unter den Gemeinden. Ich werde öfters eingeladen, über das Buch Hohelied zu sprechen, und ich muss ehrlich sagen: Es tut meiner Ehe immer gut, wenn ich über das Hohelied sprechen soll.

Ich bin sogar frustriert, dass ich heute nur Teil 1 und Teil 2 bringen kann. Ich hätte am liebsten fünf Teile, um den Inhalt des Buches uns nahezubringen. Aber ich muss mich mit der Zeit begnügen, die vorhanden ist.

Einleitend möchte ich ein bisschen in meinem Leben zurückblicken. Als ich in der Grundschule war, haben wir Jungs die Mädchen gemieden. Wenn ein Mädchen in der Nähe kam, haben wir geschrien: »Cooties!« – auf Englisch – und keiner von uns wusste genau, was »Cooties« sind. Ich habe später erfahren, dass das ein anderes Wort auf Englisch für Kopfläuse ist. Wir wussten damals nicht, was »Cooties« waren. Wir wussten nur: Wir wollten sie nicht bekommen, und wir haben die Mädchen gemieden. Aber in der fünften Klasse gab es eine Änderung – auf einmal waren die Mädchen gar nicht so schlimm. Dann in der siebten Klasse waren die Mädchen sogar attraktiv. Und bis wir in der neunten Klasse waren, hatten wir alle mindestens einmal Herzenskummer gehabt.

Also hier in Deutschland, wenn zwei Menschen starkes Interesse füreinander entwickeln oder empfinden, dann sagt man, sie haben sich ineinander verliebt. Manche sagen, er hat sich in sie »verknallt«. Elvis Presley hat ein Lied gesungen, es heißt »I’m in Love, I’m All Shook Up« – auf Deutsch übersetzt würde das so viel heißen wie: »Ich bin verliebt, ich bin total durcheinander.« In diesem Lied sagt er: »Was ist los mit mir? Ich zittere wie ein Blatt am Baum.« Er sagte: »Ich verstehe mich nicht.«

Ich weiß noch, als unser Sohn sich in seine jetzige Frau verliebt hat. Der hat gesagt: »Ich verstehe das gar nicht, was ist los mit mir?« Und er war nervös in ihrer Gegenwart. So geht es vielen von uns, wenn wir die Person kennenlernen, die uns zusagt. Es ist etwas Wunderbares, wenn ein Mann und eine Frau sich ineinander verlieben.

Was ist das Hohelied der Liebe?

Und in der Bibel ließ Gott von König Salomo ein Lied schreiben, das die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau feiert. Das Lied heißt »Hohelied« oder »Lied der Lieder«. Als ich in unserer Gemeinde vor Jahren angekündigt habe, dass ich das Hohelied durchpredigen wollte, hat ein Bruder mit russlanddeutschen Baptisten-Hintergrund mich zur Seite genommen und gesagt: »Tim, das kannst du nicht machen. Das geht gar nicht.« Er sagte: »Wie kannst du – da sind Kinder dabei – du kannst nicht das Hohelied in der Versammlung predigen. Vielleicht kannst du das abends oder in einem Sondertreffen für Ehepaare, aber nicht an die ganze Gemeinde.«

Und ich habe ihm folgendes geantwortet: Ich habe 2. Timotheus Kapitel 3, die Verse 16 und 17 vorgelesen. Und das mache ich jetzt hier auch:

Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet.

Und ich habe ihn gefragt: »Gehört das Hohelied zur Schrift?« Er sagte: »Ja, aber–« Ich sage: »Nein, kein ›Aber‹. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung.«

Was interessant war: Als ich fertig war mit der Predigtreihe, kam er auf mich zu und sagte: »Tim, ich bin so froh, dass du nicht auf mich gehört hast. Ich wusste wirklich nicht, welche kostbaren Wahrheiten in diesem Buch zu sehen sind.« Das ist das Zeugnis eines Bruders aus unserer Gemeinde, und ich hoffe, dass ich damit heute Morgen Interesse für das Buch erwecken konnte.

Warum wird das Hohelied häufig gemieden?

Ich wollte aber zunächst die Frage stellen: Wenn das Hohelied zum inspirierten Wort Gottes gehört und nützlich ist zur Lehre und zur Ausrüstung der Heiligen, warum wird das Buch so häufig gemieden? Ich kann euch einige Gründe dafür geben.

Erstens: Wir reden ungerne über das Thema sexuelle Liebe oder romantische Liebe. Dieses Thema ist praktisch Tabu in der Gemeinde.

Zweitens: Für uns sind einige Redewendungen unzugänglich. Die Liebe wird mit Metaphern ausgedrückt, womit wir in der heutigen Zeit nicht viel anfangen können. Zum Beispiel schreibt er über seine Geliebte: »Ein verschlossener Garten ist meine Braut, eine versiegelte Quelle.« Oder eine Frau wird »eine Mauer« oder »eine Tür« genannt. »Schön bist du wie Tirza, anmutig wie Jerusalem.« Was soll das heißen? Und dann heißt es: »Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die von Gilead herunterhüpfen. Deine Zähne sind wie eine Herde Mutterschafe.« Und hier ist meine Lieblingsaussage: »Dein Leib ist ein Weizenhaufen, umfriedet mit Lilien.« Also Jungs, seid vorsichtig mit so einer Aussage – der Schuss könnte heutzutage nach hinten losgehen.

Diese poetische Sprache, diese Bildsprache, die verwendet wurde, um Liebesgedanken darzustellen, ist ein bisschen unzugänglich für uns. Das ist auch ein Grund, warum Christen in der heutigen Zeit das Buch gemieden haben.

Ein dritter Grund dafür ist: Es ist schwer zu wissen, wer überhaupt redet. Redet der Mann? Redet die Frau? Reden die Freunde, die Töchter Jerusalems? Manche Übersetzungen tun uns einen Gefallen, indem sie eine kleine Überschrift einfügen, sodass man weiß, wer redet. Das ist hilfreich.

Aber ein vierter Grund – und das ist, denke ich, der Hauptgrund, warum dieses Buch häufig gemieden wird – ist, weil manche Christen nicht wissen, ob die Botschaft wortwörtlich oder sinnbildlich zu verstehen ist. Mit »wortwörtlich« meine ich nicht, dass keine Bildsprache verwendet wird im Hohelied. Ich meine, dass dieses Lied die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau innerhalb des Planes Gottes feiert und nicht die Beziehung zwischen Jesus Christus und der Gemeinde.

Wie viele von euch haben gesagt bekommen, dass das Hohelied nur ein Sinnbild ist für die Gemeinde und die Braut Jesu Christi? Das wird sogar in mindestens einer Schlachter-2000-Bibel, die ich hatte – es war eine Studienbibel, und da waren Einführungen zu jedem Buch – da stand es in der Einführung über das Hohelied. Auch in unserer Zeit wird gelehrt, dass es ein Sinnbild ist für die Liebe Gottes zu seinen Kindern. Das lehne ich mit großem Eifer ab. Das ist nicht, worum es hier geht. Aber viele Christen sind sich nicht sicher. Die lesen das Buch und sagen: »Da sehe ich kein Sinnbild.« Also lassen sie den Finger davon und meiden das Buch Hohelied aus diesem Grund.

Wie wurde das Hohelied in der Vergangenheit ausgelegt?

Bevor ich meine Gründe für eine wortwörtliche Auslegung des Hohelieds geben möchte, will ich euch zeigen, wie das Hohelied in der Vergangenheit ausgelegt wurde, wenn es um allegorische Interpretationen ging. In der Kirchengeschichte gab es immer wieder solche Auslegungen dieses Buches. Hier sind ein paar Beispiele, wie die Brüste der Frau ausgelegt wurden. In Kapitel 4 Vers 5 und Kapitel 7 Vers 8 redet Salomo von den Brüsten der Frau, und jüdische Gelehrte haben die Brüste der Braut interpretiert als Moses und Aaron, als die zwei Messiasse – ein Messias aus David und einer aus Ephraim –, als Moses und Pinhas, als Josua und Eleasar, und vieles mehr. Christliche Ausleger haben die Brüste der Braut gesehen als die Gemeinde, von der wir Nahrung bekommen; als das Alte Testament und das Neue Testament. Das liebe ich, weil es zu der Zeit noch gar kein Neues Testament gab – die mussten also Hunderte von Jahren warten, bis die Bedeutung da war, bis das Neue Testament endlich da war.

Andere Auslegungen von Christen: als die zwei Hauptgebote »Liebet Gott« und »Liebet deinen Nächsten wie dich selbst« – das ist die Bedeutung der zwei Brüste; als das Blut und das Wasser; als Israel und die Gemeinde. Das sind nur ein paar solche Auslegungen.

Wenn man das Buch allegorisch auslegen möchte: Wer hat Recht? Was bedeuten die zwei Brüste der Frau? Was bedeuten die anderen Sinnbilder, die in diesem Buch verwendet werden, wenn sie nicht wortwörtlich zu verstehen sind?

Was war der historische Anlass für allegorische Auslegungen?

Was hat unsere Kirchenväter bewegt, dieses Buch symbolisch auszulegen und nicht wortwörtlich – als ein Lied, das die sexuelle, romantische Liebe zwischen einem Mann und einer Frau innerhalb des Planes Gottes feiert? Warum haben sie gesagt: »So kann man das Lied nicht verstehen, das kann unmöglich die Bedeutung des Liedes sein«?

Es kommt daher, dass in der Kirchengeschichte ein Leben ohne Geschlechtsverkehr als höchste Tugend oder als höchste Heiligkeit dargestellt wurde. Von Maria wird gelehrt, dass sie keine Kinder nach Jesus hatte, dass sie und Josef zwar verheiratet waren, aber keinen Geschlechtsverkehr hatten und keine gemeinsamen Kinder erzeugten. Das lehrt die katholische Kirche bis heute.

Also sehr früh in der Kirchengeschichte gab es eine negative Einstellung zur Ehe. Beim Konzil von Nizäa in 325 nach Christus wurde vorgeschlagen, dass Pastoren auf das Zusammenleben mit ihren Frauen verzichten. Papst Siricius erteilte in 386 den Befehl, dass alle Priester keusch leben müssten. Papst Leo der Große, 440 bis 461, wollte nicht, dass die verheirateten Priester ihre Frauen wegschicken. Also gab er den Befehl, dass sie wie Bruder und Schwester in aller Keuschheit zusammen leben sollten.

Diese Denkweise hat sich weiterentwickelt, sodass die lebenslange Keuschheit bald als das Hauptsymbol der Heiligkeit im Denken der Kirche war. Das Heiratsverbot für Priester war dann ein Ergebnis dieser Entwicklung. Die Auswirkung unter Christen war ein falsches Denken über die romantische Liebe zwischen einem Mann und einer Frau. Sex wurde als ein notwendiges Übel betrachtet, damit Kinder gezeugt werden können.

Ein schockierendes Beispiel

Ich habe hier ein Beispiel aus einem Buch. Ich möchte ein etwas längeres Zitat lesen, und das ist von einer Frau eines Pastors im 19. Jahrhundert. Das Zitat kommt aus dem Buch »Sex, Romance and the Glory of God«. Ich habe es ins Deutsche übersetzen lassen. Einleitend zu diesem Zitat hat der Autor folgendes geschrieben:

»Ein schockierendes Beispiel kommt aus dem 19. Jahrhundert in dem Buch ›Anleitungen und Ratschläge für die junge Braut über das Benehmen und Vorgehen in der intimen und persönlichen Beziehung der Ehe zu einer größeren Heiligkeit dieses gesegneten Ehesakraments und zum Ruhm des Herrn‹.«

Das war der Titel des Buches von dieser Frau, die Ruth Smithers hieß und die Frau des Pastors L. Smithers war, im Jahr 1894. Manche bezweifeln, ob das echt war. Aber selbst wenn dieses Zitat nicht echt ist, zeigt es sehr deutlich, wie Menschen zu der Zeit gedacht haben. So schrieb die Frau folgendes:

»Für die einfühlsame junge Frau, welche in den Genuss einer ordentlichen Erziehung kommen konnte, ist der Hochzeitstag ironischerweise sowohl der glücklichste als auch der Furcht erregende Tag ihres Lebens. Auf der positiven Seite ist die Hochzeit selbst, in welcher die Braut im Zentrum einer wunderschönen, inspirierenden Zeremonie steht. Dies symbolisiert ihren Triumph, sich eine männliche Fürsorge ergattet zu haben, welche für den Rest ihres Lebens sich um ihre Bedürfnisse kümmern wird.

Auf der negativen Seite steht dann die Hochzeitsnacht, in welcher die junge Braut sozusagen ihre Zeche bezahlen muss, indem sie zum ersten Mal die schreckliche Erfahrung des Geschlechtsverkehrs zu erfahren hat. Liebe Leser, an diesem Punkt angekommen muss ich eine schockierende Wahrheit aufdecken: Manche junge Frauen erwarten die Tortur der Hochzeitsnacht sogar mit Neugier und Vorfreude. Vermeidet eine solche Einstellung! Ein selbstsüchtiger und arroganter Ehemann kann dies ganz leicht zu seinem Vorteil ausnutzen. Eine grundlegende Regel der Ehe sollte niemals vergessen werden: Gebe wenig, gebe selten, und vor allem gebe widerwillig. Ansonsten wird, was eine ordentliche Ehe hätte werden können, zu einer sexuellen Lustorgie.

Auf der anderen Seite muss die Furcht der Braut nicht extrem sein. Obwohl Sex zum besten Zeitpunkt ekelhaft und zum Schlimmsten schmerzhaft ist, muss es ertragen werden und wurde auch von allen Frauen seit dem Beginn der Zeitrechnung so ertragen. Dies wird dann durch ein monogames Zuhause, in welchem Kinder gezeugt werden, kompensiert.

Für die Braut ist es in den meisten Fällen nutzlos, wenn sie versucht, ihren Bräutigam davon zu überzeugen, die sexuelle Einweihungszeremonie aufzugeben. Während sich der ideale Ehemann seiner Braut nur auf ihre Anfrage hin und nur zum Zweck der Kindererzeugung nähern würde, kann man eine solch noble und selbstlose Einstellung von dem gewöhnlichen Mann nicht erwarten. Die meisten Männer würden, wenn es ihnen nicht verweigert bliebe, fast jeden Tag Sex anfordern.

Die weise Braut wird für die ersten paar Monate der Ehe ein Maximum von zwei kurzen sexuellen Erfahrungen pro Woche zulassen. Mit der Zeit sollte sie sich stark darum bemühen, diese Häufigkeit zu reduzieren. In dieser Sache sind vorgetäuschte Krankheit, Schlaf, Schläfrigkeit und Kopfschmerzen nur ein paar der besten Freunde einer Ehefrau. Streitsucht, Nörgeln, Schimpfen und Zanken haben sich als sehr effektiv erwiesen, speziell wenn diese am Spätabend ungefähr eine Stunde bevor der Ehemann seine Verführung einleitet, angewandt werden. Schlaue Ehefrauen sind ständig darum bemüht, neue und bessere Methoden zu finden, um die liebhaftigen Annäherungsversuche ihres Ehemannes schon im Keim zu ersticken.

Die gute Ehefrau sollte bis zum Ende des ersten Jahres den sexuellen Kontakt mit ihrem Mann bis auf einmal pro Woche vermindert haben, und bis zum Ende des fünften Jahres bis auf einmal pro Monat. Und bis zum zehnten Hochzeitstag haben viele Ehefrauen es geschafft, ihren Zyklus des Kinderbekommens abzuschließen und das letztliche Ziel erreicht zu haben: alle sexuellen Kontakte mit ihrem Ehemann abgeschlossen zu haben. An diesem Punkt angekommen kann sie sich auf seine Liebe gegenüber den Kindern und auf den gesellschaftlichen Druck verlassen, um den Ehemann zu Hause zu halten.«

Also ich kann nur zwei Dinge zu diesem Rat von Frau Smithers sagen: Erstens, ich hoffe, dass kein Mann in dieser Gemeinde so eine Frau hat. Und zweitens: der arme, arme Herr Smithers.

Gottes Sicht auf die eheliche Liebe

Man sieht hier – auch wenn dieses Zitat vielleicht übertrieben klingt – es gibt immer noch Frauen, die im Hinterkopf denken: »Da ist irgendwas Schmutziges hieran, das ist irgendwie unheilig, vielleicht ein notwendiges Übel, um Kinder zu bekommen.« Aber Gott denkt völlig anders darüber, und das sieht man im Hohelied. Gott feiert dieses Verliebt-Sein, diese gegenseitige Bewunderung, dieses Verlangen, eins zu werden und intim miteinander zu werden. Das ist von Gott gewollt.

Ich habe eine ganze Liste von Bibelstellen hier aufgeschrieben, aber wir gehen die nicht alle durch wegen der Zeit. Ich würde euch aber bitten, 1. Korinther 7 aufzuschlagen, weil wir hier sehen, dass der Apostel Paulus eindeutig lehrt, dass Geschlechtsverkehr nicht nur dazu gedacht ist, Kinder zu erzeugen. Es geht um Menschen, die bereits verheiratet sind, und wir lesen ab Kapitel 7 Vers 1:

Was aber das betrifft, wovon ihr mir geschrieben habt: So ist es gut für einen Menschen, keine Frau zu berühren. Aber um der Unzucht willen habe jeder seine eigene Frau, und jede habe ihren eigenen Mann. Der Mann leiste der Frau die eheliche Pflicht, ebenso aber auch die Frau dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren eigenen Leib, sondern der Mann; ebenso aber verfügt auch der Mann nicht über seinen eigenen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, es sei denn, man kommt überein, eine Zeit lang damit, damit ihr euch dem Gebet widmet, und dann wieder zusammen seid, damit der Satan euch nicht versuche, weil ihr euch nicht enthalten könnt.

Paulus macht hier deutlich, dass Geschlechtsverkehr regelmäßig sein sollte innerhalb der Ehe. Er sagte, es soll nur darauf verzichtet werden, wenn beide darauf verzichten möchten, und das nur für eine kurze Zeit fürs Gebet. Aber es soll zum Alltag gehören, dass der Mann und seine Frau sich gegenseitig befriedigen innerhalb des Ehebundes.

Warum eine wortwörtliche Auslegung?

Wir kommen zu der Frage: Warum eine wortwörtliche Auslegung?

Erstens: Wir haben gerade gesehen, dass es keine Kontrolle über die Bedeutung des Textes geben kann, wenn wir das Hohelied vergeistlichen oder allegorisch interpretieren. Welcher Schreiber der Antike hat Recht? Haben die jüdischen Gelehrten Recht? Haben die christlichen Gelehrten Recht? Wer hat Recht? Was bedeuten die zwei Brüste der Frau?

Zweitens: In Hohelied Kapitel 1 Vers 2 lesen wir: »Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein.« Gott benutzt nicht sexuelle Metapher in der Schrift, um seine Liebe für seine Kinder darzustellen. Wenn die Gemeinde als Braut Christi dargestellt wird, dann werden die Reinheit, Treue und Unterordnung der Braut betont. Das sehen wir in Epheser Kapitel 5. Die Sprache hier – von Küssen mit dem Munde, die Brüste genießen und so weiter – wird in der Schrift nicht von Gott benutzt, um seine Beziehung zu seiner Gemeinde zu illustrieren.

Außerdem ist das hebräische Wort hier für »Liebe« nicht das Wort Ahaba. Ahaba ist ähnlich wie das griechische Wort Agape. Das hebräische Wort hier ist Dodim, und es wird manchmal auch für die sexuelle, physische Liebe verwendet im Alten Testament. Selbst die Übersetzer der Septuaginta wollten nicht die physische sexuelle Liebe betonen, indem sie Eros verwendeten – sie haben durchgehend mit Agape übersetzt. Aber es geht hier darum: Dieses Wort Dodim bezieht sich auf eine physische Liebe. Gott würde dieses Wort für Liebe nicht im Hohelied verwenden, wenn es um seine Liebe zu seiner Gemeinde ginge. Da würden wir nur das Wort Ahaba finden. Das Wort Ahaba für Liebe kommt mehrmals im Hohelied vor, genauso wie Dodim. Beides ist hier gemeint: eine höhere Liebe, die mit dem Verstand zu tun hat, und dann auch eine physische, sexuelle Liebe.

Drittens möchte ich betonen, dass wir das Hohelied wortwörtlich verstehen sollen, weil wir, wenn wir Sprüche Kapitel 5 vergleichen – wer hat Sprüche geschrieben? König Salomo. Wer hat das Hohelied geschrieben? König Salomo. Derselbe Autor. Und wir sehen, wenn wir Sprüche Kapitel 5 aufschlagen, dass er dieselbe Sprache, dieselben Worte, dieselben Redewendungen verwendet in einem Zusammenhang, wo es nur wortwörtlich zu verstehen ist. Wir können Sprüche Kapitel 5, die Verse 15 bis 23 nicht vergeistlichen. Hier geht es um eine Ermahnung Gottes, dass ein Mann treu sei seiner Frau gegenüber, dass er nicht den Busen einer fremden Frau umarmt und dadurch Ehebruch begeht.

Wir lesen hier in Sprüche Kapitel 5 ab Vers 15:

Trinke Wasser aus deiner eigenen Zisterne und aus deinem Brunnen. Quell sollen nach draußen verströmen deine Quellen auf die Plätze – die Wasserbäche dir allein sollen sie gehören, doch keinem Fremden neben dir. Deine Quelle sei gesegnet.

Und jetzt wird interpretiert, was er meint mit »Quelle« und »Strömen« und »Zisterne«:

Erfreue dich an der Frau deiner Jugend, der lieblichen Hirschkuh und anmutigen Gemse. Ihre Brüste sollen dich berauschen jede Zeit, in ihrer Liebe sollst du taumeln immer da. Warum solltest du, mein Sohn, an einer Fremden taumeln und den Busen einer anderen umarmen? Denn vor den Augen des Herrn liegen eines jeden Wege, und auf alle seine Bahnen gibt er acht. Seine eigenen Sünden fangen ihn, den Gottlosen, und in den Stricken seiner Sünde wird er festgehalten. Ein solcher wird sterben aus Mangel an Zucht, und in der Größe seiner Torheit taumelt er dahin.

Wir sehen hier eine ganz klare Mahnung: Der Mann soll die Brüste seiner Frau genießen, der soll immer da taumeln. Es geht hier klar und deutlich um eine Befriedigung, eine sexuelle Befriedigung innerhalb des Ehebundes. Er sagt: »Du sollst nicht zu einer fremden Frau gehen, um befriedigt zu werden.« Und er sagt: »Willst du, dass dein Wasser auf den Straßen fließt?« – das heißt: Willst du, dass andere Männer Geschlechtsverkehr haben mit deiner Frau? Wenn nicht, dann sollst du das deinem Nächsten nicht antun, indem du mit seiner Frau Geschlechtsverkehr hast. Das ist die Bedeutung von Sprüche Kapitel 5.

Achtet auf die Sprache hier: diese anmutige Gemse, diese Wasserquellen, Hirschkuh, Gazelle und so weiter. Das sind Begriffe, die wir auch im Hohelied lesen. Auch die Brüste: Im Hohelied lesen wir »Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge der Gazelle, die in den Lilien weiden.«

Wir haben eine Schwester, die ist klein und hat noch keine Brüste. Was sollen wir mit unserer Schwester tun an dem Tag, da man um sie werben wird? Wenn sie eine Mauer ist, bauen wir auf ihr eine silberne Zinne. Wenn sie aber eine Tür ist, versperren wir sie mit Zedernbrettern. Das heißt: Die Brüder haben die Verantwortung dafür zu sorgen, dass ihre Schwester jungfräulich bleibt, bis es soweit ist. Und sie antwortet ihren Brüdern: »Ich bin eine Mauer, und meine Brüste sind wie Türme. Nun aber bin ich vor ihm« – das heißt: vor den Augen ihres Geliebten – »wie eine, die Frieden anbietet.« Und: »Esst, Freunde, trinkt und berauscht euch an der Liebe.« Das Wort »berauschen« ist dasselbe Wort, das wir gerade in Sprüche Kapitel 5 gelesen haben.

So ist es wichtig, dass ihr versteht: Das Hohelied ist definitiv wortwörtlich zu verstehen. Es handelt sich hier um ein Liebespärchen und eine Beziehung, in der sie sich auch gegenseitig sexuell befriedigen.

Warum hat Gott das Hohelied gegeben?

Warum hat Gott das Buch Hohelied uns gegeben? Das ist die zentrale Frage. Wenn alle Schrift nützlich ist zur Lehre und zur Ausrüstung der Heiligen, warum hat Gott uns das Buch Hohelied gegeben?

Gott hat uns dieses Buch gegeben, damit wir Gottes Plan für die Ehe sehen, der vor dem Sündenfall gemeint war und seitdem immer noch gilt. Gott bringt im Hohelied das zum Ausdruck, was wir schon in Sprüche 5, 15 bis 23 gelesen haben. Und dieser Abschnitt fasst den Inhalt und das Ziel des Hohelieds perfekt zusammen: Es ist wunderschön, wenn ein gottesfürchtiger Mann und eine gottesfürchtige Frau sich ineinander verlieben und innerhalb des Ehebundes ein Fleisch werden.

Auch in Sprüche 30, die Verse 18 bis 19: Agur bewundert das und sagt: »Es sind drei Dinge, die zu wunderbar für mich sind, ja vier.« Und eine von denen ist: »Wie ein Mann mit einem Mädchen umgeht.« Er sagte: »Das ist etwas Erstaunliches.« So wie David die Größe Gottes anhand der Sterne bewundert hat, hat Salomo die eheliche Liebe bewundert, die ebenso von der Größe Gottes zeugt.

Wir lesen im Neuen Testament: Paulus warnt vor einer Zeit, wo er sagte, Lügengeister und Dämonen werden lehren, dass Menschen nicht heiraten sollen – das heißt, sie sollen auf Geschlechtsverkehr verzichten und sich enthalten von gewissen Speisen. Und die katholische Kirche lehrt das eindeutig. Paulus sagte: »Das ist eine Lehre von Dämonen.« Es ist der Wille Gottes, dass wir innerhalb des Ehebundes die Ehe genießen.

Diese Warnung aus 1. Timotheus ist in Einklang mit der Botschaft des Hohelieds. Und Gott will durch den Inhalt des Hohelieds folgendes in seinen Kindern bewirken:

Erstens will er eine gesunde und heilige Einstellung zur sexuellen Liebe in uns bewirken – das heißt, dass wir verstehen sollen, dass wenn die sexuelle Liebe innerhalb seines Planes stattfindet, das eine heilige Sache ist und nicht schmutzig oder ungeistlich.

Zweitens will Gott die Kostbarkeit der Reinheit der Liebe betonen. Hier im Hohelied sieht man eindeutig eine Chronologie der Liebe: verliebt, verlobt, verheiratet, und dann erst Vollzug der Ehe. Dann sehen wir, dass die Ehe Reife erfährt. Dieses Lied ist so aufgebaut, dass es diese Beziehung zwischen den beiden beschreibt: wie sie sich verlieben, wie sie sich gegenseitig bewundern, und dann wie diese Beziehung sich aufbaut im Laufe der Jahre. Im Mittelpunkt steht der Hochzeitsmarsch und dann auch die Hochzeit selbst. Bis zum Vollzug der Ehe ist die Braut als »eine versiegelte Quelle« beschrieben – das heißt: ihre Jungfräulichkeit, dass sie sich rein bewahrt hat bis zur Hochzeit.

Wie traurig ist es, dass es kaum einen Menschen gibt, der mit 17 Jahren noch jungfräulich ist, und wenn das der Fall ist, die bereuen es zutiefst und schämen sich sogar dafür.

Drittens will Gott die Ehen seiner Kinder stärken, indem er sie an den Anfang ihrer Beziehung erinnert. Gott will uns motivieren, die Gefühle zu bewahren und aufzufrischen, die wir füreinander hatten, als wir frisch verlobt waren. Gott erinnert uns an die Tatsache, dass die Liebe zwischen Mann und Frau eine dauerhafte Liebe sein sollte. Gott will, dass das, was wir gespürt haben am Anfang der romantischen Beziehung – dieses Verliebt-Sein – durch das ganze Eheleben erhalten bleibt.

Viertens will Gott uns warnen, mit der Liebe vorsichtig umzugehen. Vor allem will Gott junge Menschen warnen, ihr Herz nicht voreilig einem anderen zu geben.

Die Struktur des Hohelieds

Jetzt würde ich euch bitten, das Hohelied aufzuschlagen, und ich möchte euch ein paar Wiederholungen zeigen. In Kapitel 2 Vers 7 lesen wir:

»Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes: Weckt nicht auf und stört nicht die Liebe, bevor es ihr selbst gefällt.«

Vergleicht diesen Vers bitte mit Kapitel 3 Vers 5 – dort steht dasselbe. Und schlagt bitte Kapitel 8 Vers 4 auf – dort lesen wir wieder:

»Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems: Was wollt ihr wecken, was aufstören – die Liebe, bevor es ihr selbst gefällt?«

Dieselbe Aussage kommt dreimal im Hohelied vor. Dieses Lied kann auch aufgeteilt werden durch diese Aussage. Und diese Aussage an die »Töchter Jerusalems« ist nicht nur in Verbindung mit dieser Warnung: »Stürzt nicht auf die Liebe, wartet, bis es ihr selbst gefällt, wartet, bis ihr reif dafür seid.«

Warum will ich euch diese Wiederholungen zeigen? Ich will zeigen, dass Salomo genauso vorgeht hier wie im Buch Prediger. Er hat auch das Buch Prediger geschrieben. Wie beginnt Salomo das Buch Prediger? Er beginnt mit seiner These: »Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist Nichtigkeit.« Und dann: »Was für ein Gewinn hat der Mensch von all seinem Mühen, womit er sich abmüht unter der Sonne?« – diese Frage kommt fünfmal vor im Buch Prediger. Das heißt, Salomo wiederholt sein Hauptargument mehrmals innerhalb des Buches Prediger.

Das heißt: Er schrieb das Buch mit Struktur. Die biblischen Autoren haben nicht einfach Gedanken zusammengeschmissen. Du hast deine Einleitung, du hast ein Schlusswort, du hast vorbildlich zusammengestellte Bücher. Wenn einem in der Schule beigebracht wird, wie man ein Diktat schreibt oder wie man vorgeht, wenn man etwas kommunizieren will – genau das, was du in den Büchern der Bibel siehst, ist genau das, was uns in der Schule heutzutage beigebracht wird.

Das Problem ist: Wir gehen mit der Bibel falsch um. Wir suchen nicht nach der Bedeutung des Schreibers – was er auf dem Herzen hatte, was er vermitteln wollte. Wir sehen die Bibel wie einen Flohmarkt. Wir gehen da durch und versuchen, einzelne Verse herauszupflücken. Wenn ihr an das Hohelied denkt: Welche Verse wurden aus diesem Lied herausgepflückt? Auf Englisch: »His banner over me is love« – auf Deutsch: »Sein Banner über mir ist Liebe« oder »Sein Zeichen über mir ist Liebe«. Von Kapitel 2 wird Vers 4 aus dem Zusammenhang gerissen, zitiert, sogar zum Lied gemacht, und ganz etwas anderes wird damit verkündigt, als was hier im Text gemeint ist.

Viele Christen lesen die Bibel wie auf dem Flohmarkt. Ich bin Angler – wenn ich durch den Flohmarkt gehen würde und eine Angelrute und Kunstköder sehe, gehe ich dahin. Ein Mechaniker, der Werkzeuge gerne hat, der sieht Werkzeuge und geht dahin. Wir lesen die Bibel, bis wir auf etwas stoßen, was für uns interessant ist, und wir sind selbst bestimmend darüber, was uns gefällt oder was für uns gerade wichtig wäre. Wenn wir meinen, Gottes Wort spricht ein Thema an, dann achten wir besonders darauf. Aber wenn wir die Bücher Salomos lesen wollen – ob das Sprüche ist, ob das Prediger ist oder ob das Hohelied ist – da ist eine gewisse Struktur drin, und das ist wichtig, dass wir das sehen beim Lesen.

Deswegen habe ich diese Wiederholung, diese Warnung betont: »Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes: Weckt nicht auf und stört nicht die Liebe, bevor es ihr selbst gefällt« – Kapitel 2,7, Kapitel 3,5, und dann noch einmal Kapitel 8,4. Dieselbe Aussage dreimal, verteilt durch das ganze Lied.

Warum tut er so etwas? Weil das ein wichtiger Bestandteil dessen ist, was er vermitteln möchte. Das heißt: Wenn du deine Kinder erziehst, sagst du immer wieder dasselbe. Bei mir ist es: »Müll an die Straße stellen.« Man schärft gewisse Dinge ein – selbstständig aufstehen, wegstellen. Es gibt gewisse Dinge, die wir immer wieder sagen, weil das für uns wichtig ist. Und genauso ist es in Gottes Wort. Gott hat ein Anliegen hier. Es geht darum, dass er weiß, dass viele sich in andere Menschen verlieben und dann voreilig sind – dann stimmt die Chronologie der Liebe nicht. Die haben den Vollzug der Ehe vor der Ehe. Gott hat eine gewisse Reihenfolge der Liebe hier in diesem Buch Hohelied, und dies können wir sehen, wenn wir achtsam dieses Lied lesen.

Der Aufbau des Hohelieds: Die Hochzeit als Mittelpunkt

Ich habe vorhin gesagt, dass das Hohelied das schwierigste Buch der Bibel für mich war zu verstehen. Viele andere Bücher der Bibel konnte ich lesen und auf Anhieb verstehen, was gemeint wurde. Aber diese Sprache, diese Bildsprache, diese romantische Sprache war mir total fremd.

Aber was konnte ich sehen? Wenn ihr ein Puzzle macht – wo fangt ihr an? Ihr macht alle Teile erstmal so, dass man das Bild sehen kann, und dann sucht ihr nach den Randstücken. Und dann, wenn dieser Rahmen gebildet ist, findet ihr euch besser zurecht mit den anderen Stücken. So ist es auch mit dem Hohelied. Wir müssen zunächst diese Chronologie der Liebe entdecken, und das tun wir, indem wir auf die Wiederholungen achten.

Als ich das Buch durchgelesen habe, war das, was für mich dann klar war, die Hochzeit. Und das möchte ich mit euch kurz gemeinsam betrachten. In Kapitel 3 ab Vers 6 sehen wir diesen Hochzeitsmarsch:

»Wer ist sie, die da heraufkommt aus der Wüste, Rauchsäulen gleich, umduftet von Myrrhe und Weihrauch, von allerlei Gewürzpulver des Händlers? Siehe da, die Sänfte Salomos! Sechzig Helden sind rings um sie her, von den Helden Israels. Sie alle sind schwertergeübt im Kampf, jeder hat sein Schwert an seiner Hüfte, gegen den Schrecken zur Nachtzeit. Einen Tragsessel machte sich der König Salomo aus Hölzern des Libanon. Seine Füße machte er aus Silber, seine Lehne aus Gold, seinen Sitz aus rotem Purpur. Das Innere ist ausgelegt mit Ebenholz. Kommt heraus, ihr Töchter Jerusalems, betrachtet doch, ihr Töchter Zion, den König Salomo in der Krone, mit der ihn seine Mutter gekrönt hat, am Tag seiner Hochzeit, am Tag der Freude seines Herzens.«

Hier geht es eindeutig um eine Hochzeit. Der Tag dieser Hochzeit ist gekommen. Das bedeutet: Alles, was davor ist in diesem Lied – Kapitel 1 bis Kapitel 3 Vers 5 – das ist vor der Hochzeit. Ab Kapitel 4 Vers 1 und dem, was folgt, ist nach der Hochzeit.

Außerdem sieht man das Wort »Braut«. Welche Kosenamen verwendet er für seine Frau? »Meine Freundin«, »meine Schwester«, »meine Geliebte«, »meine Schöne« und so weiter. Aber nur in einem Abschnitt nennt er sie sechsmal seine »Braut«. Ich habe es in meiner Bibel mit Pink markiert: Da sind die sechs Male, wo das Wort »Braut« vorkommt. Und interessanterweise: Nach dem Hochzeitsmarsch hier – Kapitel 3,6-11 – fängt es an in Kapitel 4,1 mit gegenseitiger Bewunderung. Und dann sehen wir ab Kapitel 4,8: »Mit mir vom Libanon, meine Braut, mit mir vom Libanon sollst du kommen.« Dann Vers 9 noch mal »Braut«, Vers 10, Vers 11, Vers 12, und dann noch mal in Kapitel 5: »Ich komme in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut.«

Sechs Mal wird sie »Braut« genannt, und alles in zwischen Kapitel 4,1 und Kapitel 5,1. Da sehen wir: Das ist der Hochzeitstag, das ist, wo sie seine Braut ist. Danach ist sie seine Frau, nicht seine Braut. Und davor nennt er sie nicht seine Braut, und danach nennt er sie nicht mehr seine Braut.

So haben wir hier eine ganz klare Abgrenzung vom Ablauf der Liebe: verliebt, verlobt, verheiratet – Kapitel 3,6-11 – und dann Kapitel 4,1 bis Kapitel 5,1: Vollzug der Ehe. Und dann ab Kapitel 5,2 geht es um Reife in der Ehe.

Und wir sehen hier, dass diese Frau genau das tut, was Frau Smithers gesagt hat: Der Mann kommt, klopft an der Tür und sagt, er will rein, und sie sagt: »Ach, ich habe meine Füße schon gewaschen, ich will sie nicht wieder schmutzig machen.« Das ist so ähnlich wie: »Ich habe Kopfschmerzen.« Und dann plagt sie ihr Gewissen nachher, und dann läuft sie ihm hinterher, findet ihn nicht, dann ist sie traurig – und dann findet sie ihn doch. Und dann geht das alles von vorne los, noch grafischer. Diese Bildsprache bezüglich des Genusses der sexuellen, romantischen Liebe innerhalb des Ehebundes.

So haben wir hier eine ganz klare Chronologie der Liebe. Und was ich besonders betonen möchte, ist die Keuschheit, die bewahrt werden sollte in dem ersten Teil.

Keuschheit und die heutige Zeit

Freunde, in vergangenen Jahrhunderten haben Frauen sich viel keuschlicher angezogen als in der heutigen Zeit. Auch Männer – da war viel mehr vom Körper abgedeckt. Gemischtes Baden gab es nicht. Die Frauen haben da gebadet, die Männer da gebadet. Das ist nicht so lange her, dass es so war.

Heutzutage ist diese Darstellung des Körpers als »Kunstwerk« oder sonst was sehr in Mode. Ich kann euch sagen: Vor Jahren, ungefähr in 2010, habe ich folgende Nachricht gesehen. Ich wollte meine E-Mails abrufen in den USA, und dann musste ich das über meinen Server T-Online machen. Da war eine Werbung und eine Nachricht, und da war ein Bild. Ich lese vor, was da geschrieben stand: »Nichts für Weicheier – eiskalter Wettbewerb: Nacktrodeln im Harz.« Kennt ihr den Harz, dieses Gebirgsgebiet? Das ist in der Nähe von uns, wo ich wohne. »Nacktrodeln im Harz – Gänsehaut-Garantie. Nackt-Rodelmeisterschaft im Harz.« Es gab natürlich auch ein Foto davon. Und hier ist, was da stand: »Es ist die erste Meisterschaft dieser Art, doch bei 12.000 Zuschauern wird es sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich in Braunlage die Wintersport-Begeisterten auf den Schlitten geschwungen haben.« Natürlich hatten sich die Rodler bei dem Wettbewerb eines privaten Radiosenders auf der Rathauswiese nur in das Nötigste gezwängt und mussten aus Sicherheitsgründen Schutzhelm, Handschuhe und Schuhe tragen. Mit dieser Aufmachung mit Gänsehaut-Garantie ging es für die Schlittenfahrer auf eine 89 Meter lange Strecke in mehreren Vor- und Finalläufen. Der erste Nackt-Rodelmeister wurde gesucht.

Also: Was früher in der Gesellschaft absolut tabu wäre, feiern sie heutzutage als Nacktheit. Du siehst auch unter Christen diese Eitelkeit, diese Selbstdarstellung. Die lassen sich tätowieren, wo man es sehen kann. Die Mode ändert sich, weil das Body-Piercing gesehen werden muss. Wenn jemand seinen Bauchnabel piercen lässt, muss das sichtbar sein – also muss das Hemd hier sein. Du siehst auch bei Jungs: Die Hose muss tiefer sein, damit man sehen kann, dass sie kaum Unterwäsche tragen.

Es ist diese Eitelkeit, dieser Mangel an Keuschheit. Das der Körper etwas Besonderes ist, dass er etwas Privates ist, dass er nur für den Ehepartner ist – das ist verloren gegangen in unserer Zeit.

Und wenn Gemeinden reden über das, was Gott in seinem Wort zum Thema Sex zu sagen hat, was betonen sie dann? Das ist verboten. Das ist verboten. Das ist verboten. Das ist Unzucht. Das ist untersagt. Das darfst du nicht. Aber wird betont, was richtig ist in Gottes Augen? Hat Gott in seinem Wort völlig darüber geschwiegen, wie es richtig ist? Hat Gott nur gesagt, was falsch ist, und nicht gesagt, was richtig ist? Natürlich hat er gesagt, was richtig ist! Und das Buch Hohelied ist genau das, was Gott sieht als richtig: Es ist gut, wenn ein Mann eine Frau findet oder eine Frau den richtigen Mann, und wenn sie in aller Gottesfurcht heiraten. Und dann kommt der Vollzug der Ehe – Gott jubelt mit ihnen und sagt: »Das ist Teil meines ewigen Ratschlusses.«

Allgemeines zur Auslegung des Hohelieds

So sind wir dabei, diesen Aufbau des Buches zu betrachten. Ich möchte kurz etwas Allgemeines zur Auslegung des Hohelieds sagen.

Erstens: Wer spricht? In Kapitel 1 steht: »Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein.« Wer ist die Frau, und wer ist der Mann? Wir wissen, wer der Autor des Buches ist – das ist König Salomo. Spricht Salomo von einer seiner Ehen? Der hatte 1.000 Frauen. Die Frage ist: Ist das seine erste Hochzeit? Ist das überhaupt eine Hochzeit von ihm? Ist er überhaupt qualifiziert, über dieses Thema zu reden, wenn er so viele Frauen hat?

Eins muss ich euch sagen: Bevor David Ehebruch und Mord begangen hatte mit Batseba, hat er schon Psalmen geschrieben – danach auch. Martin Luther hat gesagt: »Gott ist in der Lage, einen geraden Schlag mit einem krummen Stock zu liefern.« Das hast du mit David, und das hast du mit jedem Schreiber in der Bibel. Gott hat Salomo mehr Weisheit gegeben als alle Menschen vor ihm und auch danach, ausgenommen Jesus. Also ist er hochqualifiziert, über dieses Thema zu reden, auch wenn er in seinem Leben sich wie ein Narr verhalten hat und gegen den Willen Gottes gehandelt hat. Der war nicht nur diesem Lied gegenüber ungehorsam – der war auch Sprüchen und Prediger gegenüber ungehorsam. Wir können also nicht sagen, dass Salomo nicht qualifiziert ist, über dieses Thema zu reden, nur weil er massiv gegen den Willen Gottes verstoßen hatte in Bezug auf sexuelle, romantische Liebe. Gott hat ihm die Weisheit gegeben, um solche Lieder zu schreiben, genau wie er seinem Vater David, der Ehebruch und Mord begangen hatte, Weisheit gegeben hatte, Psalmen zu schreiben.

Wenn wir das allgemein betrachten: Die Frage ist, wer die Frau ist. Wir haben ein paar Hinweise innerhalb des Buches diesbezüglich. In Kapitel 1,5-6 sehen wir, dass sie hart in der Sonne arbeiten musste. In dieser Liebesgeschichte wird wahrscheinlich ein Dorfmädchen als die Frau dargestellt. In Kapitel 4,8 sehen wir, dass der Bräutigam sie bittet, sich von ihrer Heimat im Libanon zu verabschieden. Und in Kapitel 7,1 – und ich finde diesen Vers sehr entscheidend – wird sie »Sulamitin« genannt. Für mich war es wichtig zu erfahren, dass dieser Begriff »Sulamitin« die weibliche Form des hebräischen Namens Salomo ist. Das heißt: wie Gabriel – Gabriele, Simon – Simone. Ich würde sagen, dass Salomo dieses Lied als »Frau Mustermann« und »Herr Mustermann« geschrieben hat: Salomo – Solomit, Gabriel – Gabriele. Das heißt: Salomo redet hier nicht über eine seiner vielen Hochzeiten. Er redet hier über die Liebe, und er benutzt eine königliche Sprache und auch Bilder aus der Landschaft, aus der Natur, vom Hirtendienst – Hirten und König. Er bedient sich an Begriffen, die sehr erhaben sind, und an Bildern, die erhaben sind, um auf sehr sensible Art das Thema sexuelle Liebe darzustellen.

Er geht nicht krass in seinen Formulierungen vor, weil er sensibel mit diesem Thema umgeht. Gott redet hier, und anstatt einfach sehr krass und direkt über Geschlechtsverkehr zu reden – das Wort »Geschlechtsverkehr« kommt nicht vor, »Sex« kommt nicht vor – geht es hier um eine Bildsprache, die auf sehr sensible Art die Erhabenheit der romantischen Liebe darstellt.

Und so haben wir in diesem Lied, wie gesagt, Herrn und Frau Mustermann. Und jetzt kommen wir zu der Frage: Wer ist der Bräutigam? Ich glaube, Salomo spricht nur von sich selbst, weil er als König diese königliche Schönheit, diesen Reichtum, einfach verwenden will, um die Erhabenheit der Liebe darzustellen. Er spricht von seinem eigenen Tragsessel in Kapitel 3,9. Und wenn dieses Lied für jedes Paar sein soll – wie sollen arme Menschen sich mit solchen Beschreibungen identifizieren? Das ist eine Kritik, die manche äußern, wenn Salomo spricht von seiner Krone, von Schmuck, von ganz teuren Ölen und Parfümen und so weiter. Das war für die meisten armen Menschen gar nicht möglich.

Die Frage ist: Warum macht er das, wenn dieses Lied für jedes Pärchen, auch für ein armes Pärchen, dienen sollte? Ich glaube, er will damit nicht seine eigene Herrlichkeit zum Ausdruck bringen, sondern die Herrlichkeit der Liebe. Er benutzt teure und kostbare Sachen, um die romantische Liebe zu beschreiben, damit er die Kostbarkeit dieser Liebe betonen kann.

Ich unterrichte heute, weil so viel falsches Verständnis um dieses Lied herrscht. Ich möchte eine gute Grundlage legen, damit ihr überzeugt seid, dass Gott zu euch redet durch dieses Lied bezüglich etwas sehr Kostbares – nämlich gegenseitige sexuelle Befriedigung innerhalb des Planes Gottes.

So höre ich hier erstmal auf, ziemlich abrupt, aber hoffentlich wurde genug Interesse erweckt für den Nachmittag, wo wir dann »verliebt, verlobt, verheiratet, Vollzug der Ehe« und dann die Reife der Ehe gemeinsam betrachten werden. Danke fürs Zuhören.


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